Reininghaus

Tirsa Perl im Proberaum Ziegrastrasse, Berlin im Dezember 2015

MAKING NOISE IS EASY: BEHIND TIRSA PERL

Seit 1986 arbeiten Kai & Kai von TIRSA PERL mehr oder weniger konstant musikalisch zusammen, in unterschiedlichen Projekten, mit unterschiedlichen Mitstreitern. Die intensivste Phase war ohne Zweifel die gemeinsame Zeit in Leipzig (1986 bis 1989) und ist mit zwei Bands verbunden: REININGHAUS und THE REAL DEAL. Drehen wir das Rad der Geschichte also für eine Handvoll Erinnerungen zurück – let’s do the timewarp again!

Teil 1 (1987 – 1988): Gegen  den Strom – Reininghaus

cairo: Wir waren damals wild entschlossen, eine Band zu gründen. Als ich im November 1986 nach Leipzig kam, hatte ich neben meinem Rucksack und meiner Gitarre auch eine ganze Reihe von Songs dabei. Die waren alle während der Armeezeit entstanden …

kaiman: Ja genau, bei der NVA haben wir uns nämlich kennengelernt und auch ’ne Weile zusammen dort in der „Regimentscombo“ Musik gemacht. Das war so’ne Art Armeeband, die zum Beispiel für die Offiziersfeierlichkeiten zum Tanz aufspielte.

cairo: Ja, schauderhaft … Aber wir hatten zumindest am Abend immer die Möglichkeit, im Proberaum unsere eigenen Sachen zu spielen. Das durfte natürlich keiner von den Vorgesetzten wissen. War schon irgendwie tricky und auch ein Nervenkitzel. Aber insgesamt gesehen, boten sich dadurch doch immer wieder Möglichkeiten, der ganzen Tristesse, Eintönigkeit und Unfreiheit ein wenig zu entkommen.

kaiman: Genau, wieder so’ne Überlebensnische …

Nach der Armeezeit zogen cairo und kaiman in einer WG im Stadtteil Gohlis zusammen. In der nahe gelegenen Lindenthaler Straße fanden sie durch Zufall in einem Abrisshaus auch den Platz für einen passenden Proberaum. Die anschließende Suche nach Musikern war abenteuerlich, ist – wie vieles andere auch aus diesen Wochen und Monaten – als Anregung und Inspiration in „Kenton Blau – Die Leipziger Tagebücher 1986-1987“ (Roman von Kai Reininghaus, 2013) eingeflossen und kann dort nachgelesen werden. Nur soviel: Einige Zeit später lief Robert Gläser den beiden über den Weg. Die Bassfrage war also geklärt. Mit Frank Heyner an der Leadgitarre war die Urbesetzung von „Reininghaus“ – wie die Band sich nun nannte – komplett.

Einer der ersten öffentlichen Auftritte: "Reininghaus" live in einem Kirchenkeller (Leipzig im Februar 1987).

Einer der ersten öffentlichen Auftritte: „Reininghaus“ live in einem Kirchenkeller (Leipzig im Februar 1987).

Hier eine frühe Aufnahme aus diesen Anfangstagen. YOU ist nur ein Fragment geblieben, zeigt aber gut, wie alles angefangen hat.

Hannes Ackner, als Freund und Fan der Band sowieso im Proberaum immer mit dabei, brachte eines schönen Tages sein Saxophon mit. Und dann waren sie fünf.

Die Band Reininghaus 1987: Robert Gläser, Cairo Reininghaus, Kai Müller, Frank Heyner und Johannes Ackner.

Anfangs waren viele Songs noch auf Englisch, das änderte sich aber sehr schnell. Auf Initiative von Caesar, Roberts bekannten Musikervater, ging die Band Anfang April 1987 in ein Gohliser Studio und nahm dort in einer mehrstündigen Session neun Songs auf (das Tape ist allerdings verschollen und wurde nie veröffentlicht). Zwei Drittel der Titel hatte cairo zu diesem Zeitpunkt mittlerweile mit deutschen Texten versehen.

cairo: Ich kann mich nicht mehr wirklich erinnern, warum ich plötzlich nur noch deutsche Texte geschrieben habe. Das war nichts neues für mich – nur hatten wir mit „Reininghaus“ eigentlich als eine Art New-Wave-Punky-Band begonnen. Es ergab sich aber auch, weil ich nun nicht mehr die Songs alleine schrieb, sondern mit Frank zusammen. Und natürlich gab es auch inhaltliche Veränderungen, die Themen wurden direkter …

Die Band war in den folgenden Monaten live viel unterwegs, spielte in Leipzig (u.a. beim IG Rockfestival), Berlin, Potsdam, Erfurt und anderen Städten … Die Konzerte und Minitouren waren auch das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit mit Jens Kaufmann, der die Band als Manager betreute und als Kulturhausleiter über wichtige Kontake zu den Veranstaltern verfügte.

Anzeigen zu Konzerten von Reininghaus in der oertlichen Presse

Allerdings: Livemitschnitte sind rar, überhaupt gibt es nur sehr wenige erhaltene Tondokumente. Und diese spiegeln nicht unbedingt das wider, was damals auf der Bühne passierte. So wie diese Aufnahme von einem Konzert im HdjT Berlin – dem sogenannten „Haus der jungen Talente“ aus dem Jahr 1988. Der Radiomitschnitt des „Rundfunks der DDR“ klingt seltsam steril und wirklich, dieser Auftritt war ein schwieriger …

cairo: Es war einer dieser Gigs, wo einfach der Wurm drin ist. Wir spielten auf einem fremden Equipment, hatten keine Zeit für einen richtigen Soundcheck – wir waren ja quasi die Vorband. Und dann rissen uns auch noch mehrmals Saiten, ich vergaß ganze Textzeilen … es war wie ein Fluch. Und der ganze Radiozirkus drumherum machte es nicht unbedingt besser … Wir wollten das dann nur noch irgendwie zu Ende bringen.

kaiman: Ja, und das Verrückte war, dass wir ein paar Wochen zuvor hier schon ein Konzert hatten – allerdings im Untergeschoss – und das war einer unserer besten Gigs! Die Leute sind total ausgeflippt und wir haben endlos Zugaben gespielt. Leider gibt’s da keinen einzigen Ton auf Band … Und es gibt von diesem Konzert auch keine Fotos, jedenfalls habe ich noch nie eines gesehen.

Ein paar Wochen später löste sich die Band auf. Alles in allem waren nur etwa 16 Monate vergangen, viel war passiert. Vielleicht zu viel und zu schnell.

cairo: Wir hatten uns musikalisch einfach auseinander entwickelt und haben das eine Zeitlang ignoriert. Aber so kann eine Band nicht wirklich auf Dauer funktionieren, das haben wir gespürt und bestimmt auch das Publikum bei den letzten gemeinsamen Gigs. Ich weiß nicht mehr genau, wie das dann ablief. Klar, das hat auch wehgetan. Aber es war Zeit für etwas neues. Ich hatte so ein einengendes Gefühl, das immer stärker wurde  und musste unbedingt ein Fenster aufreißen und Luft holen.

kaiman: Es war einfach schwierig geworden. Die Proben und so. Wir haben ja nicht gleich aufgegeben. Es kamen ein paar Leute dazu, wir probierten am Sound herum, aber das machte es nicht besser. Eben eine der klassischen Möglichkeiten, wie sich eine Band entwickeln kann. Das sind nun mal unterschiedlichen Typen, man verbringt viel Zeit miteinander. Es kann funktionieren oder nicht.

Nette junge Menschen auf dem Weg in eine bessere Zukunft: Müller / Gläser / Reininghaus in der Gohliser WG (Leipzig 1987)

Nette junge Menschen auf dem Weg in eine bessere Zukunft: Müller / Gläser / Reininghaus in der Gohliser WG (Leipzig 1987)

Zugabe

REININGHAUS im Studio

Reininghaus im Studio 1987

Dieser unscheinbare Zettel ist alles, was an einen aufregenden Tag vor 30 Jahren erinnert: Reininghaus war am 28. April 1987 zu einer Studiosession im lauschigen Leipziger Stadtteil Gohlis zusammengekommen. Etwas mehr als drei Monate waren seit der Bandgründung vergangen, die Einstufung lag gerade hinter der Band und nun also sollte es gleich zu Aufnahmen in ein richtiges Studio gehen. Nun, bei Reininghaus ging irgendwie alles irre schnell. Vielleicht zu schnell.

cairo: Wir hatten zwar ein knappes Dutzend Songs zusammen und auch schon eine Handvoll Liveauftritte gespielt, aber einen wirklichen Stil und uns selbst hatten wir noch nicht gefunden. All diese Dinge waren uns überhaupt nicht bewusst, interessierten uns nicht die Bohne. Roberts Papa (Caesar) hatte alles organisiert und auch bezahlt, dass machte uns natürlich irre stolz. Klar.

Die Session selbst dauert einige Stunden, ich weiß nicht mehr genau, wie lang. Als wir anfingen, war es noch hell. Als wir gingen, tiefe Nacht. Wir haben uns den Teufel aus dem Leib gespielt. Ich erinnere mich, dass ich mit einer Erkältung kämpfte und Halsschmerzen hatte. Aber hey, dagegen gab es ja was 😉 Ich weiß auch noch, dass wir erstaunt waren, dass es kein Mehrspuraufnahmegerät gab. Alles ging über den Mixer direkt in ein normales Stereo-Kassettendeck. Wir spielten also – wie im Proberaum – alle zusammen Take für Take ein. Verspielte sich einer, fingen wir alle wieder von vorne an.

Wie man auf dem Zettel sehen kann, hatten wir auch noch einen Sessionmusiker dabei – Erik, den älteren Bruder von Frank. Der war ein echter Virtuose auf der Gitarre und hatte irre Effektgeräte dabei. Das Tape mit den Aufnahmen ist seit vielen Jahren verschwunden. Über die Aufnahmen kann man also nur spekulieren. Manche Songs sagen mir auch gar nichts mehr, zum Beispiel „Völlig blind“ oder „Schiffe ohne Hafen“. Tja, so ist das mit den Erinnerungen. Alles in allem war es natürlich eine wirklich aufregende Sache für uns jungen Hunde damals.

Anbei noch ein rauschiges Stück („Spiegelglas“) aus dem Proberaum, so in etwa klangen REININGHAUS zu jener Zeit.

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Teil 2 (1988 – 1989): Come On And Hear Now – This Is The Real Deal For You!

Im zweiten Teil unserer kleinen Reise in ein „Land vor unserer Zeit“ erleben wir die Geburt einer neuen Band: The Real Deal, als Reduktion auf’s Wesentliche – Gitarre, Gesang, Bass und Schlagzeug -, sorgen für Furore, aber auch für Irritationen.

TIRSA PERL – LIVE IN BERLIN AM 19.08.2016, ALTE FEUERWACHE FRIEDRICHSHAIN!
+++ Tirsa Perl auf YouTube (Link) +++

Tirsa Perl Live in Berlin