The Real Deal: Das erste Tape

Vor 30 Jahren war die Welt noch eine andere: Deutschland geteilt durch eine tödliche Grenze und das Internet, das Internet? Nicht vorhanden. Unvorstellbar? Nein, einfach nur die Realität. In Leipzig hatten drei junge Typen gerade eine Band klammheimlich gegründet (Dezember 1987): THE REAL DEAL. Songs entstanden, man probte bis die Finger bluteten und im März 1988 war es dann soweit – das erste Tape (damals noch Kassette) war fertig! Und es entstand genau da, wo die Jungs sich sowieso am meisten aufhielten: im Proberaum. Kai und Kai von Tirsa Perl erzählen hier die kleine Geschichte dieser historischen Aufnahmen.

Kai und Kai (Tirsa Perl) in Berlin - Proberaum Ziegrastrasse.

Kai & Kai erinnern sich …

Eine „heimliche“ Band?

Kai Müller: Eigentlich hatten wir zu dieser Zeit noch unsere „Hauptband“ (REININGHAUS mit Johannes Ackner, Robert Gläser, Frank Heyner und Robert Hoffmann), traten live auf und so weiter. Wir hatten gerade unseren Proberaum verloren. Der war in einem Abrisshaus in Gohlis und nun war das Haus wirklich abgerissen worden. Unseren ganzen Kram hatten wir im Klubhaus, in dem Cairo arbeitete („Arthur Hoffmann“ in der Steinstraße, Connewitz), untergestellt. Tja, und eines schönen Tages saßen wir da zu zweit und der Dicke (Spitzname für den späteren Bassisten der Band, D.K.) war auch da. Der war eigentlich bei REININGHAUS Roadie. Wir begannen also ein bisschen zu jamen. Der Dicke nahm sich einfach Roberts Bass und stieg mit ein. Ich wusste gar nicht, dass er spielen konnte. Na, jedenfalls lief das irgendwie gleich gut. Aber, dass daraus eine richtige Band werden sollte, war gar nicht klar. Und den anderen sagten wir auch erst mal nichts.

Cairo Reininghaus: Ich merkte schnell, dass wir gut zusammen harmonierten. Da gibt es immer ein paar ganz bestimmte Signale, ob man miteinander Musik machen kann oder eben nicht. Etwas später lernte ich meine Frau kennen (Felicitas) und eines kam zum anderen. Ich war total geflasht, auf einem Höhenflug und schrieb jede Menge Songs …

K.M.: Ich glaube, Cairo vermisste das und er sagte mir auch, dass er gerne wieder Gitarre spielen würde. Bei REININGHAUS war er ja „nur noch“ Sänger. Wir hatten da  Frank und diverse Gastgitarristen. Dazu noch ein Keyboard … manchmal waren wir sieben Leute auf der Bühne.  Angefangen hatten wir ja zu viert, nun war das ein richtiger Wanderzirkus … (lacht).

C.R.: Ja, in der Tat. Ich merkte auch, dass die Musik, die ich jetzt schrieb, nicht zu REININGHAUS passte. Wir hatten uns einfach in eine andere Richtung bewegt und ich war mir nicht mehr sicher, ob das meine Richtung war. Und da kam so ein Nebenprojekt genau richtig. Ich konnte ausprobieren und schauen, was passiert. Und es passierte ziemlich schnell, ziemlich viel.

K.M.: Cairo kam zu jeder Probe mit einem oder zwei neuen Songs. Das war irre.

C.R.: Ein paar Wochen später, Ende Februar, hatten wir dann zwölf Songs einigermaßen auf der Pfanne. Nebenbei probten wir ja auch mit REININGHAUS weiter und spielten Gigs … ich weiß wirklich nicht, wie wir das damals alles hinbekommen haben.

K.M.: Und haben ja auch noch einen neuen Proberaum bezogen. Der war in der Auenstrasse (heute Hinrichsenstrasse). Das war natürlich auch wieder ein Abrisshaus, aber im Hinterhof. Ich hatte da Jahre zuvor mal mit einer anderen Band geprobt. Den haben wir uns nun wieder hergerichtet.

Hier erst einmal Musik: SHE’S CRAZY war einer der ersten Songs, den Cairo für REAL DEAL schrieb. Die Aufnahme stammt vom Februar 1988 und wurde einen Monat später auf dem ersten Tape der Band veröffentlicht. Cairo: „Das ist eine Art Umweltprotestlied … es geht um die Luftverschmutzung. Die war in Leipzig zu dieser Zeit ziemlich krass. Und auch sonst, wenn ich an die Gewässer denke. Da ist also die geschundene und müde Erde, die schlaflos durch das Universum kreist und diesen ganzen Quatsch von uns Menschen so satt hat … naja, ziemlich naiv … aber leider immer noch aktuell.“

The Real Deal: Fotosession in einem Tagebau bei Leipzig, Sommer 1988 (Reininghaus, Kaiser, Müller v.l.n.r.)

The Real Deal: Fotosession in einem Tagebau bei Leipzig, Sommer 1988 (Reininghaus, Kayser, Müller – v.l.n.r.)

Wie müssen wir uns denn dieses Abrisshaus vorstellen? Gab es da Strom? War es dort sicher?

K.M.: Das war einfach eine Bruchbude, die von der kommunalen Wohnungsverwaltung aufgegeben worden war und seit Jahren „leer“ stand. Strom und Wasser waren eigentlich abgestellt. Das heißt, der Strom floss bis zu den jeweiligen Verteilern im Haus und war dann „abgetrennt“. Wir fanden heraus, dass man nur an den Verteiler ran musste (die waren jeweils oberhalb der Eingangstüren zu den einzelnen Wohnungen angebracht), vorsichtig den Deckel entfernen und dann die Drähte wieder anschließen musste. Eine Fummelarbeit, nicht ganz ungefährlich und klar, verboten. Aber es funktionierte. Wasser allerdings gab es wirklich nicht, was hygienisch gesehen ein wenig hinderlich war …

Reininghaus - Fotosession in Leipzig (1987/1988)

Hier sieht man das Abrisshaus in Leipzig. Das Foto entstand während einer Fotosession der Band „Reininghaus“. (v.l.n.r.: Kai Reininghaus, Johannes Ackner, Frank Heyner)

C.R.: Oh ja, die Toilette war ein Ort, den man nur in allerhöchster Not besuchte … Diese Verteilerkästen hatten übrigens auch so’ne Sicherheitsblombe, die nicht beschädigt werden durfte. Das war also immer die Prozedur vor jeder Probe und danach. Denn falls irgendwer kontrollieren sollte, musste alles unverändert aussehen. Das lief so räuberleitermäßig … wir waren da ziemlich schnell sehr fix darin. Zack, ich auf den Dicken, Schraubenzieher raus und los …
Natürlich war das alles irgendwie strange. In der Wohnung lagen noch Sachen von Leuten, die vor Jahren wohl hier gewohnt hatten. Möbel, Klamotten, Bilder, Briefe … Es war eigenartig. Und klar,  hatten wir Sorge, dass man dort einbrach und unsere Technik verschwinden würde. Wir konnten ja nicht jedes Mal Verstärker, Schlagzeug und den ganzen Kram mitnehmen. Wir hatten im alten Proberaum in Gohlis (Lindenthaler Strasse) schon einen Einbruch erlebt, allerdings waren wir da mit einem blauen Auge davon gekommen.

K.M.: Man konnte ja auch niemanden dann informieren oder so, also meinetwegen die Polizei … das war alles total illegal und verboten. Aber wir haben die Tür verstärkt und eine Batterie von Schlössern angebracht. Und außerdem waren wir nicht ganz allein in der Bude. Über uns hatten sich Kraftsportler einen illegalen Trainingsraum eingerichtet …

C.R.: Ja, das war lustig, wenn die Herren immer hochgestiefelt sind und wir uns auf der Treppe begegneten. Das war nicht so, dass die unbedingt auf unsere Musik standen (die hörten sie ja oft genug), aber man respektierte sich. Ich wundere mich übrigens heute noch, dass uns keiner von den Mietern im Vorderhaus verpfiffen hat. Es war ja klar, wenn wir durch die Toreinfahrt mit Gitarrenkoffern marschierten und im abgefuckten und verbotenen Hinterhaus verschwanden, dass das nicht koscher war …

K.M.: Naja, manchmal haben die schon komisch geguckt … vor allem, wenn wir nachts nach einem Auftritt den ganzen Krempel von der Straße ins Hinterhaus geschleppt haben. Das war nicht unbedingt leise. Aber stimmt, es ging bis zum Schluss alles gut.

Stop. Pause. Musik: THE GIRL ist ein weiterer Track vom ersten REAL DEAL-Tape. Cairo schrieb ihn im Januar 1988: „Das ist ein Liebeslied. Ich hatte kurz zuvor meine Frau kennengelernt und Schmetterlinge im Bauch, wir schwebten im siebenten Himmel. Felicitas fand auch das ganze Musikding gut und war immer mit dabei. Wir waren quasi vom einen auf den anderen Tag unzertrennlich.“

Zurück zum Thema: Warum wolltet ihr so früh eine Kassette aufnehmen? Ihr wart ja erst ein paar Wochen zusammen.

K.M.: Ich glaube, Cairo kam mit der Idee, aufzunehmen. Aber von einem Tape war da noch nicht die Rede. Wir wollten einfach mal schauen.

C.R.: Ich hatte große Lust auf die ganze Sache. Ich fand (und finde) diesen ganzen Recording-Prozess total spannend. Wir hatten mit REININGHAUS knapp ein Jahr zuvor in einem Studio aufgenommen. Da waren wir ja „nur“ die Ausführenden, um den Mix und das Aufnehmen haben sich andere gekümmert. Mit REININGHAUS wäre das auch schwieriger gewesen. Wir waren sechs Leute und die in einem einfachen Proberaum aufzunehmen war schlichtweg technisch zu dieser Zeit für mich nicht möglich.

K.M.: REAL DEAL waren da pflegeleichter … drei Typen und ganz klassisch: Schlagzeug, Gitarre, Bass, Gesang …

C.R.: Genau, das war überschaubar und mit unserem Equipment auch zu handeln. Jedenfalls dachte ich, hey, wir haben genügend Material, lasst uns das mal festhalten!

Apropos Equipment – was für Technik habt ihr verwendet? Waren Mehrspuraufnahmen möglich?

C.R.: Mehrspur-Recording? Haha … Nein, im Ernst, heute ist das ja nur noch schwer vorstellbar. Mittlerweile kann man mit einem überschaubaren finanziellen Einsatz professionell über den Computer ´zig Spuren aufnehmen und zusammenschneiden und loopen etc. Damals geschah das alles eher intuitiv, es gab ja kein Internet, wo man hätte schauen können oder ein Tutorial auf  YouTube ansehen …

K.M.: Obwohl, diesen ganzen Overkill an Infos heute finde ich auch schwierig, das kann manchmal ganz schön abschrecken. Wir haben’s einfach gemacht … (lacht)

Real Deal First Tape Recording Stuff

Recording Stuff 1988: Der 6-Kanal-Monomixer von Vermona (Mono!) hatte einen integrierten Verstärker und kostete 2500 Mark der DDR! Daneben sieht man das Kassettendeck (JVC) auf dem aufgenommen wurde.

C.R.: Wir hatten einen 6-Kanal-Mischpult (Vermona Regent 1060) mit eingebauten 100-Watt-Verstärker über den wir auch sonst probten. Das Ding war Mono und hatte einen Halleffekt eingebaut. Ich wollte mein gutes JVC-Kassettendeck als Aufnahmegerät mitnehmen und hatte mir vorher einen Plan gemacht …

K.M.: Ja, stimmt. Du hattest aufgemalt, wo wir stehen und wie viele Mikrofone jeder bekam … ich sehe das karierte Blatt noch vor mir.

C.R.: Wir hatten ja nicht so viele Mikrofone und ich musste die Anzahl wissen und auch, was an Kabeln nötig war. Klar war, dass wir jeden Song immer komplett aufnehmen mussten. In einem Ritt. Wie gesagt, Mehrspurrecording war nicht (also erst die Instrumente und dann den Gesang und so weiter nacheinander aufnehmen) und wir hatten sechs Eingänge. Das hieß zwei für Gesang (für mich und den Dicken), jeweils einen für Gitarre und Bass, macht vier. Zwei blieben also noch für das Schlagzeug. Das war eigentlich zu wenig …

K.M.: Dann haben wir uns überlegt, dass wir noch so einen kleinen Mini-Mixer dazwischenpacken. Den haben wir uns geliehen. Der hieß Disco 2000, ganz einfaches Teil, vier Eingänge, vier Lautstärkeregler. Und damit konnten wir das Schlagzeug mit vier Mikrofonen abnehmen. Das waren alles sogenannte „Schwarzwurzeln„, so DDR-Teile. Die waren nicht überragend, aber okay. Nur Cairo hatte für seinen Gesang ein besseres Mikro …

C.R.: Stimmt. Das „Teac“ – ein Westteil, hatte ich für 1000 DDR-Mark gekauft von diesen Elektromusikern, die bei unserer WG in Gohlis gegenüber gewohnt haben … das Geld hatte ich mir von meiner Oma geliehen. Die hatte immer ein offenes Ohr für meine Musikambitionen …

Weiter mit Musik: THE WALL – der Song mit dem Saxofon. Kai Müller: „Den hatten Cairo und ich schon mal vor langer Zeit gejamt. Aber nur so Fragmente, noch vor REININGHAUS. Jetzt spielten wir ihn klassisch, also der Dicke den Bass, Cairo Gitarre. Ohne Gesang. Das war irgendwie unspektakulär. Schließlich brachte der Dicke sein Saxofon mit und spielte. Wir machten große Augen. Hey, dass ist cool! Und so nahmen wir ihn dann auf – Cairo spielt da den Bass … und wir haben ganz viel Hall auf der Aufnahme.“

The Real Deal: Fotosession Sommer 1988 in einem Tagebau bei Leipzig

The Real Deal: Fotosession Sommer 1988 in einem Tagebau bei Leipzig (Müller, Kayser, Reininghaus v.l.n.r.)

Ein eindrucksvolles Foto! Lasst uns doch noch kurz auf das Cover zu sprechen kommen …

K.M.: Das Foto ist bei einer Session in einem Tagebau in Markkleeberg im Frühsommer 1988 entstanden. Da ist heute überall Wasser … [Hinweis: Dazu gibt es eine eigene Story: Fotosession im Tagebau einfach hier klicken]

C.R.: Wie ich auf die Idee mit dem roten Streifen gekommen bin, weiß ich nicht mehr genau. Irgendwie hat mir das gefallen … Ich habe eine Weile herumprobiert. Die ersten Versionen waren ganz plump, so skizzenartig, gemalt. Später half der Zufall: Wir hatten im Klubhaus („Arthur Hoffmann“ in der Steinstraße, Connewitz) in dem ich gearbeitet habe, Einladungskarten für eine Vernissage drucken lassen. Und da waren einige Streifen übrig. Ich fand das Papier klasse, so leicht glänzend und eine Art dünner Karton. Das lag eine Weile auf meinem Schreibtisch herum. Schließlich kam noch das rote Klebeband hinzu (woher das allerdings stammt, weiß ich wirklich nicht mehr). Es war eine ganz einfache Geschichte, aber sehr wirkungsvoll.

The Real Deal Tape 1 Cover Skizze (c) Kai Reininghaus 1987

Work in progress: So sah eine erste Version des Covers aus.

Und hier die finale Version des Covers der ersten Kassette von Real Deal. Alle Angaben zu den Songs, der Band und so weiter hat Cairo per Schreibmaschine direkt auf die dünne Pappe getippt. Auf den ersten Exemplaren gab es allerdings noch keine Fotos – erst später.

The Real Deal Tape 1 Cover 1988 (c) Kai Reininghaus

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