SAVE OUR SOULS

ENDE/AUS’89: DAS LETZTE TAPE

THE REAL DEAL Ende 1988 (Reininghaus, Müller, Der Dicke v.l.n.r.)Die Aufnahmen zum 4. Tape von THE REAL DEAL begannen im März 1989. Dass es das finale Tape der Leipziger Indie-Band werden sollte, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand. Alles lief prima. Die Jungs hatten im Januar und Februar erfolgreich Konzerte in Berlin und Leipzig gespielt, vor jeweils mehr Leuten als zuvor. Die letzte Veröffentlichung (NOBODY’S PERFECT) lag gerade einmal sechs Monate zurück und schon wieder hatte Cairo eine Reihe neuer Songs geschrieben, einige davon sogar schon live probiert. Kurzum, die Band beschloss eine neue Aufnahmesession im Proberaum zu starten. Der gleiche vertraute Platz also. Und das gleiche Equipment.

In alter Tradition spielten die Jungs das Material live in einem Ritt ein, für jeden Song zwei bis vier Takes – der beste kam dann auf das Mastertape. Overdubs, also mehrere Spuren zum Hinzufügen von Instrumenten und so weiter, waren nicht möglich. Die Technik im Osten nicht erhältlich oder nur zu astronomischen Preisen über Umwege oder auf dem Gebrauchtmarkt (ein 4-Spur-Recorder kostete da ca. 10.000 Ostmark). Auf der anderen Seite wurde so aber die Magie des Moments eingefangen, keine nachträgliche Korrektur, ursprünglich, roh und auch mit kleinen Macken … pure Energie.

Real Deal First Tape Recording Stuff

Recording Stuff: Der 6-Kanal-Monomixer von Vermona (Mono!) hatte einen integrierten Verstärker und kostete 2500 Mark der DDR! Daneben sieht man das Kassettendeck (JVC) auf dem aufgenommen wurde. Als „Aufnahmemeister“ war Cairo wie bei den Tapes zuvor wieder aktiv.

Alles in allem wurden bei dieser Session im März 1989 sieben Songs aufgenommen. Fast schon wieder ein Tape! Weitere Ideen waren noch nicht wirklich ausgereift und man beschloss, im Mai oder Juni weiterzuarbeiten. Dazu sollte es aber nicht kommen. Nach einem Konzert im April 1989 im Schmenkel-Club (Ost-Berlin) verschwand der Bassist. Es war eine seltsame Situation und es dauerte eine Weile bis Müller und Reininghaus das verabeitet hatten. Für die restlichen gebuchten Konzerte arbeitete man mit einem Ersatzbassisten. Aber es war nicht mehr dasselbe, die magische Dreier-Konstellation durchbrochen.

The Real Deal Ende 1988Und so beschlossen Müller und Reininghaus keine neuen Aufnahmen zu starten und die Band THE REAL DEAL erst einmal auf Eis zu legen. Als eine Art Abschiedsgeschenk erschien dann im Juni 1989 das Tape SAVE OUR SOULS. Die sieben neuen Songs vom März 1989 und eine Reihe von unveröffentlichten Aufnahmen – die meisten davon waren Livemitschnitte.

Müller und Reininghaus Sommer 1988

Und dann waren sie nur noch zwei: Müller und Reininghaus von THE REAL DEAL.

Das Cover

Songs schreiben, aufnehmen, mischen, mastern … bei Real Deal war immer alles Handarbeit in Eigenregie. DIY … Do it yourself … wie man später dazu sagen würde. Hilft dir keiner, mach es selbst! Auch die Kassettencover der Band folgten diesem Credo.

Eine erste Version des Covers zu SAVE OUR SOULS von THE REAL DEAL (Leipzig, Juni 1989).

Eine erste Version des Covers zu SAVE OUR SOULS von THE REAL DEAL (Leipzig, Juni 1989).

Cairo Reininghaus: Ich hab schon früh angefangen, Cover für Kassetten zu machen. Damals waren die Tapes ja unser heiliger Gral. Alles, was man im Radio an guter Musik hörte, wurde mitgeschnitten. Meistens von Westsendern. Oder ganze Platten überspielt. Die gab es ja nicht wirklich im Osten damals. Nur über Umwege, Westverwandte, Schwarzmarkt … Und dann bastelte man sich ein passendes Cover dazu. Also, nicht nur ich, auch meine Freunde. Mit Rubelbuchstaben, Fotos und so weiter.

Und später, für unsere eigenen Songs und Kassetten lag das auf der Hand. Musik und Cover waren und sind für mich immer etwas, was zusammengehört. Es gab zudem in der DDR keine wirkliche Möglichkeit der Vervielfältigung, oder wenn, dann staatlich kontrolliert. Kopierer … Copyshops? No way! Also war jedes Kassettencover ein Unikat. Man musste sich überlegen, wie man das so umsetzte, dass es ohne allzu großen Aufwand reproduzierbar war.

Eine alternative Version der Covers zu SAVE OUR SOULS von THE REAL DEAL (leipzig, Juni 1989).

Eine alternative Version des Covers zu SAVE OUR SOULS von THE REAL DEAL (Leipzig, Juni 1989).

Bei SAVE OUR SOULS habe ich zunächst mit Linolschnitt gearbeitet. Von einem Freund, der in einer Druckerei ebeitete, hatte ich richtige Druckerfarbe … in Schwarz und Dunkelrot. So entstand dann die erste Version des Covers. Angefangen hatte ich die Tapeserie bei Real Deal mit einem weißen Motiv (THE REAL DEAL, März 1988), darauf folgte ein schwarzer Grundton (NOBODY’S PERFECT, Oktober 1988). Nun also rot. Dann bekam ich von meiner Cousine aus Hamburg einen weißen Edding-Stift geschenkt. Das war der absolute Clou. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Und damit hab ich dann einige andere Varianten gebastelt, dazu noch Fotos verwendet, je nachdem, was gerade da war. Die Kassettenzahlen, die wir unter die Leute brachten, waren ja übersichtlich.

Die Musik

Und hier ist es nun – das letzte REAL-DEAL-Tape – zum ersten Mal überhaupt als digitale Veröffentlichung auf bandcamp! Die Musik ist eindeutig immer noch Real Deal. Aber vielleicht mehr auf den Punkt gebracht, ausgefeilter, aber auch nachdenklicher. Es könnte der Abschluss einer soundtechnischen Triologie sein – die Bedingungen waren ähnlich, und vom Erscheinen des ersten Tapes bis zu SAVE OUR SOULS waren gerade einmal 16 Monate vergangen, ein enger zeitlicher Rahmen also. Niemand kann sagen, wie ein folgendes Tape/Album der Band geklungen hätte, was für eine Art Songs darauf gewesen wären. Und so bleibt SAVE OUR SOULS ein fulminanter Schlusspunkt einer spannenden Geschichte. Ein Teil der unabhängigen Musikszene eines Landes, was nur Monate später verschwinden sollte.

Das Musikmachen, Kunst überhaupt, war in der DDR eine Möglichkeit, den engen, vorgeschriebenen Grenzen des Geistes und des Lebens überhaupt, kreativ zu begegnen, ihnen sich mehr oder weniger entgegenzustellen. Natürlich ging der allgemeine Zeitgeist nicht spurlos vorrüber, es gab Radiowellen und TV-Sender, der Westen war präsent. Diese Einflüsse prägten auch die Musikszene der DDR, da kam man nicht drumherum. Wollte man auch nicht. Hinzu kam aber noch die Besonderheit des Lebens in einer Diktatur. Und dadurch eben doch etwas Eigenes, Typisches.
Jetzt aber Schluss der Worte – nun soll (endlich) die Musik übernehmen.
Viel Spass beim Hören – enjoy!

PS: Die beiden oberen Bandfotos hat Michel DuChesne gemacht. Das untere Felicitas Reininghaus. Alle Bilder sind im Original schwarz/weiss und wurden nachcoloriert.
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Auch zu den anderen Tapes und Veröffentlichungen von THE REAL DEAL findet ihr hier Informationen:

THE REAL DEAL – das erste Tape

real deal leipzig first tape headerNOBODY’S PERFECT – das zweite Tape

The Real Deal Header Nobody's PerfectBY THE WALL – Real Deal live in Berlin Januar 1989

The Real Deal Live in Ostberlin 1989… und weitere Stories mehr!

 

 

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THE REAL DEAL live bei Musik Frontal 1989

Zeitreise: DDR Underground Bands live im Kino Connewitz (Leipzig, 24. Februar 1989)

In einem Kino Rockkonzerte zu geben, war zur damaligen Zeit nicht nur in der ehemaligen DDR keine Seltenheit. So spielten Joy Division ihr einziges Deutschlandkonzert im Kant Kino (Westberlin, 21.01.1980). Leipzig hatte mehrere Lokalitäten zu bieten – das Regina-Kino bspw. und das Kino Connewitz. Letzteres war ab Mitte der 80iger Jahre recht häufig Schauplatz für besondere musikalische Ereignisse – Jazz, Avantgarde und der damalige musikalische DDR Pop-Underground, die sogenannten „anderen“ Bands, fanden hier Auftrittsmöglichkeiten. Als Veranstalter agierte häufig das Jugendklubhaus „A. Hoffmann“, das seinen Sitz in der nicht weit entfernten Steinstraße hatte.
Vor dem Kino Connewitz (Leipzig) im Februar 1989

Kurz vor dem Konzert am Eingang des „Filmtheaters Connewitz“ (Leipzig, Wolfgang-Heinze-Straße) im Februar 1989

Das Klubhaus startete etwa ab 1987 eine Konzertreihe namens „Musik Frontal“, die genau jene erwähnten musikalischen Richtungen dem hungrigen Publikum vorstellte. Als Reininghaus und Müller (plus dem Dicken) mit The Real Deal am 24.02.1989 im Rahmen dieses Events auftraten, war die Veranstaltungsreihe etabliert, ein volles Haus garantiert. Neben originalen Fotos haben wir hier auch Zeitungsartikel für euch aus dem Archiv ausgegraben … und ein Konzertausschnitt (fünf Songs – insgesamt ca.17 Minuten pure Energie!). Zunächst aber einige Erinnerungen 35 Jahre später von den Herren Reininghaus und Müller …
Kai und KaiUnd, wie war’s?

Kai Müller: Ich war ziemlich erkältet, hatte, glaube ich, auch Fieber. Aber dieses Konzert war wichtig, in der Größenordnung passierte ja in Leipzig nicht allzu viel. Außerdem waren wir super eingespielt. Hatten geile Konzerte in Berlin und in der MB (Studentenklub in Leipzig) gehabt.

Kai Reininghaus: Wir hatten unseren Auftritt als 2. Band an dem Abend. Waren quasi von zwei Berliner Bands umklammert (Grins). Das passte perfekt, wir haben so gegen 21.00 Uhr angefangen und da waren die Leute schon in guter Stimmung. Hinderlich war die Kino-Bestuhlung, das waren ja recht enge Reihen. Und sich bewegen oder tanzen so schwierig. Das ging nur im schmalen Bereich zwischen erster Reihe und Bühne.
The Real Deal live im Kino Connewitz (Leipzig) Februar 1989

Kai Müller: Es gab Vorankündigungen in der Leipziger Volkszeitung, wir wussten, dass der Laden ausverkauft war. Es gab auch Plakate in der Stadt. Das war schon aufregend, so im Vorfeld.

Kai Reininghaus: Das Kino (heute UT Connewitz) sah damals noch anders aus. Die Leinwand war viel weiter vorn, so dass die eigentliche Bühne relativ schmal war. Und der Backstage-Raum war direkt hinter der Kinoleinwand, nur so’n Schlauch … Es gab auch einen Rang und da guckten die Leute von oben herunter, irgendwie ungewohnt für uns.
Kai Müller: Das wir da einen Livemitschnitt haben, ist auch nicht selbstverständlich. Die Veranstalterin vom Klubhaus („Arthur Hoffmann“) hatte so einen Minikassettenrekorder von Sony, also einen Walkman, mit dem man über zwei eingebaute Minimikrofone auch Stereo-Aufnahmen machen konnte. Damit hat sie alle Konzerte mitgeschnitten, auch unseres.
The Real Deal live im Kino Connewitz (Leipzig) Februar 1989
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30 Jahre (und ein paar Monate) später sind Müller und Reininghaus übrigens noch einmal an diesem Ort aufgetreten: Anlässlich des Heldenstadt.Anders-Festivals ließen sie am 14.09.2019 THE REAL DEAL kurzzeitig auferstehen (mit Afi Fischel am Bass). Nicht nur der Name hat sich mittlerweile geändert (UT Connewitz), auch das Kino selbst war im Vergleich zu 1989 kaum wiederzuerkennen: Durch einen Rückbau in den ursprünglichen Zustand (das Kino wurde 1912 eröffnet) ist eine ganz besondere Location entstanden. Und die Kinobestuhlung kann man mittlerweile, je nach Veranstaltungsart, einfach ausbauen.
The Real Deal live im UT Connewitz (Leipzig) September 2019 (c) Foto: Uwe Winkler

The Real Deal live im UT Connewitz (Leipzig) September 2019 (c) Foto: Uwe Winkler

Und hier zwei originale Zeitungsauschnitte, die im Rahmen des „Musik Frontal“ Festivals im Februar 1989 in der Leipziger Volkszeitung erschienen. Berichterstattungen über solche Veranstaltungen in den offiziellen, staatlich kontrollierten Medien waren in jenen Jahren selten …

Zeitungsausschnitt1 LVZ Februar 1989

Die Vorankündigung des Konzerts in der Leipziger Volkszeitung (Februar 1989).

Die Konzertkritik in der Leipziger Volkszeitung vom Februar 1989.

Last but NOT least: ein 17 Minuten Ausschnitt (Bootleg!) des Real Deal Konzerts – viel Spaß!

TIPP: Die Musik ist auch auf bandcamp hinterlegt … und zwar hier:

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Die Proberaumsessions 2023

von Cairo Reininghaus

Dass Herr Müller und ich schon lange Zeit musikalisch immer wieder zusammenkommen (Reininghaus, Real Deal, Tirsa Perl), ist vielleicht bekannt. Im Orwell’schen Jahr 1984 ging das los. In Erfurt (aber das sind andere Geschichten). Auch 2023 gab es wieder einige gemeinsame Sessions in unserem Hauptquartier „Müller’s Boutique“, im Leipziger Stadtteil Schleußig.

Natürlich waren wir dabei nicht allein – Afi Fischer unterstützt uns seit 2018 am Bass. Spontan kamen im August und September Frieder und Frank dazu. Wir spielten mit unseren Songs, die grobe Richtung war vorgegeben, alles andere konnte sich entwickeln, aus dem Moment heraus entstehen. Manchmal funktionierte es besser, manchmal nicht so gut. Völlig normal. Aber manchmal passierte etwas, was sich schwer beschreiben lässt. Diese magischen Momente wollen wir mit euch teilen.
PS: Die Beiträge erschienen erstmals ursprünglich auf Facebook.

Track 1: Stealing Dreams

Diesen Song haben wir am 11. August 2023 aufgenommen. Ich war, wie immer, schon recht früh in Berlin gestartet und gegen 13.30 Uhr in Leipzig. Das mag ich, noch etwas Zeit so für mich zu verbringen. Da gibt es den Vietnamesen in der Nähe, wo ich gern etwas esse, und das kleine Café ein Stück weiter, von wo ich das Treiben beobachten kann. Wieder ein wenig eintauche in diese Stadt, die so wichtig in meinem Leben war. Hier begann (nach ersten zaghaften Versuchen und Anläufen in meiner alten Thüringer Heimat) mein Weg als Musiker, hier habe ich meine Frau kennengelernt, hier ist unser Sohn geboren. Das ist lange her und das Land, indem diese Stadt damals lag, gibt es gar nicht mehr. Und doch, ist das alles nicht vergessen, natürlich nicht. Leipzig wird immer ein Teil von mir sein. Zurück ins Jahr 2023.

Herr Müller und ich hatten die Technik vorbereitet (ich bringe immer eine ganze Wagenladung mit) und uns schon mal ein wenig eingespielt. Gegen 19.00 Uhr kam Frieder. Mit ihm hat Müller einige Zeit in einer anderen Band gespielt, ich habe ihn auch schon kennengelernt, als er uns einmal bei einem alten Real-Deal-Song an der Orgel begleitet hat. Aber das ist nur eine kurze Episode und zehn Jahre her.

Frieder also. Kommt herein mit seinem Geigenkasten auf dem Rücken und einem Keyboard unterm Arm. Wir verkabeln ihn und fangen dann an, uns musikalisch kennenzulernen. Spielen irgendetwas. Schließlich wird es konkreter. Müller schlägt vor, dass wir einen unserer neuen Songs versuchen sollten. Stealing Dreams. Den habe ich Ende 2020 geschrieben und es gibt eine Version davon digital (The Phonehead Music Club). Wir spielen Frieder den Song vor, was mir immer etwas schwerfällt, also anderen Musikern meine Songs darzubieten. Da bin ich – im Gegensatz zu Konzerten – eher schüchtern.

Frieder aber scheint „Stealing Dreams“ zu gefallen. Und er kennt einige meiner Songs. Aus dem Internet wohl und von Müller. Er meint, meiner Lieder wären perfekt als Abspannmusik von Filmen. Ich nehme das als Kompliment. Frieder muss es wissen, denn er arbeitet als Sounddesigner.

Frieder - einer unserer Sessiongäste - mit seiner Geige.Wir spielen den Song, einige Male durch. Nehmen eine Version mit Klavierbegleitung auf. Und die nächste ist die, die ihr hier hören könnt. Frieder spielt Violine und Klavier, wechselt also zwischendurch immer wieder das Instrument. Alles live und in einem Durchgang. Als der letzte Ton verklungen ist, ahnen wir, da ist etwas Besonderes entstanden. „Hast du das aufgenommen?“, fragt Müller bang. Ja, habe ich. Ich spule zurück und drücke „Play“. Wir schauen uns an. Wow. Wow! Aber alles, was wir sagen, ist: „Nicht schlecht!“. Und trinken erstmal ein Bier. Wissen, das lassen wir mal so stehen.

Wir nehmen den Song nicht noch einmal auf. Es gibt nur diese eine Version. Und sie ist magisch.

Track 2: Last Stand

Zweite Runde unserer kleinen Livemusikshow, in der wir einige Früchte unserer Proberaumsessions präsentieren. Die Aufnahmen waren ursprünglich nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen, wir haben einfach mitgeschnitten, den Dingen ihren Lauf gelassen. Demos eben. Ideen, Skizzen, wie auch immer. Erinnerungen für die Beteiligten an schöne Stunden. Im Nachhinein aber, beim Hören dann mit etwas Abstand, merkten wir (und andere), dass die entstandenen Aufnahmen (wenn sie auch nicht perfekt sind) eigentlich zu schade wären, um in unseren persönlichen Archiven zu verschwinden. Warum ist schwer zu beschreiben. Möglicherweise empfindet ihr auch so. Musik ist etwas Wunderbares. In Sekundenschnelle löst sie in uns Empfindungen und Sehnsüchte aus, sie lässt uns nicht kalt. Uns würde es auf jeden Fall freuen, wenn ihr einen schönen Moment mit unseren Songs habt.

LAST STAND. Aufgenommen haben wir den Song am 29.09.2023. Geschrieben habe ich ihn schon Ende 2021. Um was es geht? Um das Leben in einer besonderen Zeit. Um die Dinge, die passieren. Über Ängste. Verzweiflung. Und Hoffnung. Leider zeigen die Ereignisse der zwei Jahre, die seitdem vergangen sind, dass der Song aktueller ist, denn je. Hier eine Übertragung des englischen Originaltextes ins Deutsche:

Letztes Gefecht

Ich schalte das Radio ein
aber nichts ist zu hören
nur diese schlechten Nachrichten
die die Angst nähren
Tränen fließen aus traurigen Gesichtern
Menschen bewegen sich nicht mehr
wie sollen wir atmen
in einer Welt ohne Hoffnung
wie überleben
Wir rennen an gegen
diese alten schwarzen Mauern
Wir rennen an gegen
alle Ungerechtigkeiten
Manchmal ist es schwieriger
manchmal verzweifeln wir
bei dem Gefühl, dass dies das Ende sei …
Und der große Meister ist verschwunden
hat sich aus dem Staub gemacht
seine Pläne sind vergessen
oh … was haben wir getan
Ich schalte das Radio ein
Musik ist überall
Mein Herz ist voll
meine Seele bricht aus
da ist so viel, was ich fühle
Wir laufen durch endlose Felder
wir rennen wieder, lassen uns nicht aufhalten
wir kennen all die Tränen
aber wir geben niemals auf
wir stehen niemals still
wir kämpfen gegen unsere Ängste

Kai Reininghaus (2021)

Track 3: Dying In Tears

Es gibt Songs, die man vor Jahren geschrieben und schon viele Male gespielt hat, die einen immer noch überraschen. Das ist einer der Aspekte, die unsere Sessions so spannend machen. In diesem Fall geht es um DYING IN TEARS. Den haben wir mit unserer damaligen DDR-Indieband THE REAL DEAL auf unseren ersten Tape Anfang 1988 veröffentlicht. So weit so gut.

Als wir den Song nun an einem Augustabend 2023 unserm Gastmusiker Frieder vorspielen, ist es draußen noch angenehm warm. Grillen zirpen, eine Straßenbahn rumpelt in nicht allzu weiter Entfernung vorbei. Es ist die gleiche Stadt in der DYING IN TEARS vor mehr als 35 Jahren entstanden ist, aber alles ist anders.

Die Luft, die Geräusche (ja, ja, die Straßenbahnen klingen mittlerweile anders), das Leben ringsherum, die Menschen? Auch die sind andere. Oder anders? Die Zeit bleibt nicht stehen, in Erinnerungen erstarrt. Das sind nur Bilder in unseren Köpfen. Der Proberaum war damals auch ein anderer, in einem verbotenerweise und illegal besetztem Abrisshaus. Das Haus gibt es nicht mehr, selbst die Straße hat einen neuen Namen bekommen.Zurück ins Hier und Jetzt. Frieder hört sich den Song an, setzt sich an die Orgel. Spielt ein wenig herum. Schlägt eine Richtung ein. Wir folgen ihm. Ja, denke ich. Das könnte funktionieren. Müller ist auch begeistert. Der ursprüngliche Post-Punk-New-Wave-Pop-Song verwandelt sich. Neues Etikett? Bar-Lounge-Atmosphäre mit Doors-Attitüde vielleicht. Wie auch immer. Ehe es zu perfekt wird, hören wir lieber auf. Wir wollen die spontane Unmittelbarkeit nicht zerstören. Eine Aufnahme muss genügen. Und es warten ja noch andere Songs …

Track 4: Es wird passieren

Es ist wieder soweit – ein neuer Song aus unseren Sessions wartet darauf, gehört zu werden. Aufgenommen haben wir ihn am 29. September 2023. Unser Gast an diesem Abend war Frank Heyner. Er war in der Stadt, hatte zwei Gitarren dabei und eine Mundharmonika. Ich glaube er ist nicht böse, wenn ich hier schreibe, dass er sehr aufgeregt war. Immerhin war es eine ganze lange Weile her, seitdem wir zuletzt zusammen musizierten.

So 2004 war das. Und zwei Jahre zuvor spielten wir ein gemeinsames Konzert im Tonelli´s – dafür ließen wir die alte REININGHAUS – Band in beinah Originalbesetzung (Johannes Ackner am Saxofon war dabei, einzig Robert Gläser hatte an diesem Abend andere Auftrittsverpflichtungen) noch einmal auferstehen. Ja, genau: Frank gehört mit zur Urformation von REININGHAUS. Er kam damals im Januar 1987 auf Empfehlung von Robert zu uns. Mit seiner roten Musima und einem ganz eigenen Gitarrenspiel.
Er und ich haben eine Reihe schöner Songs für die Band geschrieben. Schon im April 1988 gingen wir aber alle musikalisch andere Wege. Damals ging alles rasend schnell, das Jahr mit REININGHAUS hat uns ganz schön gefordert, mit Einstufungen, Studioaufenthalten, Konzerten, Radiomitschnitten usw. Vieles davon ist verschollen. Müller und ich haben mit REAL DEAL ein neues Kapitel aufgeschlagen, Frank und Hannes sind ebenfalls eigene Wege gegangen.
Reininghaus Fotosession in Leipzig 1987

Drei Fünftel der Band REININGHAUS: Cairo, Hannes und Frank 1987 im Hinterhof vor dem „Abrisshaus“ in dem sich der Proberaum der Band befand (damals Auenstrasse / Leipzig). Nicht im Bild sind Kai Müller (Schlagzeug) und Bassist Robert Gläser.

Nach all den Jahren sind wir also für einige Stunden wieder zusammen. Frank wird am Ende sagen, dass es war, als hätten wir erst gestern das letzte Mal geprobt. Das stimmt. Es ist ein bisschen wie Radfahren – man verlernt es nicht wirklich. Die Monate damals in den 80iger Jahren waren intensiv, wir haben viel Zeit gemeinsam verbracht, zusammen musiziert.

REININGHAUS 1987: Gläser / Reininghaus / Müller / Heyner / Ackner (v.l.n.r.)

ES WIRD PASSIEREN hat passenderweise einen deutschen Text (für REININGHAUS habe ich auch deutsche Texte geschrieben, das war so eine Phase), ist aber neu – im Original auf unserem letzten TIRSA PERL – Album (Strange Times) 2021 erschienen. Man kann ihn auf Streaming-Plattformen hören, auf Youtube gibt es auch ein Video.

Jetzt und hier aber unsere Session-Version. Wie immer stand nicht die Perfektion im Vordergrund, sondern Spontanität. Deshalb haben wir auch bewusst nicht länger als eine Stunde an einem Song gearbeitet. Wir haben gespielt. Eins, zwei, drei, vier …

Track 5: Black Is The Sea

Während ich das schreibe, hat es zum ersten Mal geschneit hier in Berlin. Kann mich nicht erinnern, dass das in den letzten Jahren um diese Zeit auch so war. Jetzt ist schon wieder alles weg. Grau in grau, nass und ungemütlich. November eben. Den Song, den wir heute vorstellen, haben wir während der Session im August aufgenommen. Warm war es nicht nur draußen, auch im Proberaum kamen wir ins Schwitzen. Kann man das hören? Ich weiß es nicht. Ehrlich gesagt, ist das nur so dahingeschrieben, mit dem „ins Schwitzen kommen“. Könnte aber durchaus so gewesen sein.

Im Song selbst ist der Himmel blau. Also Sommer? Vielleicht. Allerdings ist die Szenerie trügerisch. Das Meer wird als „schwarz“ beschrieben. Und Boote mit Löchern drin waren mir schon immer nicht geheuer. Wie auch? Und es kommt, wie es kommen muss. Aber möglicherweise ist es ein fröhlicher Untergang. Delfine sind nämlich auch mit dabei. Die haben Spaß. Anders die Fische am Meeresgrund, die wittern Beute. Naja. Malt euch selbst ein Bild.

Unser Gast Frieder beginnt mit einem Klavierpart, im Unterschied zum Original (habe ich auf dem letzten Phonehead Music Club – Album „Another Chapter Of The Story“ veröffentlicht). Das ist anders und deshalb schön und besonders. Es zeigt (wieder einmal), dass ein Song in vielen Facetten erscheinen kann. Für die Perfektionisten: Was ihr hier hört, ist der Mitschnitt einer spontanen Session. Es ging um ein bestimmtes Gefühl, einen besonderen Moment. Den wollten wir festhalten. Also auch ein Abenteuer. Bevor wir zu sehr ins Detail gingen, nahmen wir uns den nächsten Song vor. Zwei, drei Durchläufe mussten genügen. Das konnte auch schiefgehen oder, besser gesagt, zu nichts führen. Wir hatten nur ein paar Stunden Zeit für fünf, sechs, sieben Songs an diesem Augustabend in Leipzig.
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The Real Deal: Das erste Tape

Vor 35 Jahren war die Welt noch eine andere: Deutschland geteilt durch eine tödliche Grenze und das Internet, das Internet? Nicht vorhanden. Unvorstellbar? Nein, einfach nur die Realität. In Leipzig hatten drei junge Typen gerade eine Band klammheimlich gegründet (Dezember 1987): THE REAL DEAL. Songs entstanden, man probte bis die Finger bluteten und im März 1988 war es dann soweit – das erste Tape (damals noch Kassette) war fertig! Und es entstand genau da, wo die Jungs sich sowieso am meisten aufhielten: im Proberaum. Kai und Kai von Tirsa Perl erzählen hier die kleine Geschichte dieser historischen Aufnahmen. Zwischendurch und am Schluss (ein ganzes Paket!) gibt es Songs von diesem Debut. Denn über Musik kann man viel erzählen, vor allem aber sollte man sie hören.

Kai und Kai (Tirsa Perl) in Berlin - Proberaum Ziegrastrasse.

Kai & Kai erinnern sich …

Eine „heimliche“ Band?

Kai Müller: Eigentlich hatten wir zu dieser Zeit noch unsere „Hauptband“ (REININGHAUS mit Johannes Ackner, Robert Gläser, Frank Heyner und Robert Hoffmann), traten live auf und so weiter. Wir hatten gerade unseren Proberaum verloren. Der war in einem Abrisshaus in Gohlis und nun war das Haus wirklich abgerissen worden. Unseren ganzen Kram hatten wir im Klubhaus, in dem Cairo arbeitete („Arthur Hoffmann“ in der Steinstraße, Connewitz), untergestellt. Tja, und eines schönen Tages saßen wir da zu zweit und der Dicke war auch da. Der war eigentlich bei REININGHAUS Roadie. Wir begannen also ein bisschen zu jamen. Der Dicke nahm sich einfach Roberts Bass und stieg mit ein. Ich wusste gar nicht, dass er spielen konnte. Na, jedenfalls lief das irgendwie gleich gut. Aber, dass daraus eine richtige Band werden sollte, war gar nicht klar. Und den anderen sagten wir auch erst mal nichts.

Cairo Reininghaus: Ich merkte schnell, dass wir gut zusammen harmonierten. Da gibt es immer ein paar ganz bestimmte Signale, ob man miteinander Musik machen kann oder eben nicht. Etwas später lernte ich meine Frau kennen (Felicitas) und eines kam zum anderen. Ich war total geflasht, auf einem Höhenflug und schrieb jede Menge Songs …

K.M.: Ich glaube, Cairo vermisste das und er sagte mir auch, dass er gerne wieder Gitarre spielen würde. Bei REININGHAUS war er ja „nur noch“ Sänger. Wir hatten da  Frank und diverse Gastgitarristen. Dazu noch ein Keyboard … manchmal waren wir sieben Leute auf der Bühne.  Angefangen hatten wir ja zu viert, nun war das ein richtiger Wanderzirkus … (lacht).

C.R.: Ja, in der Tat. Ich merkte auch, dass die Musik, die ich jetzt schrieb, nicht zu REININGHAUS passte. Wir hatten uns einfach in eine andere Richtung bewegt und ich war mir nicht mehr sicher, ob das meine Richtung war. Und da kam so ein Nebenprojekt genau richtig. Ich konnte ausprobieren und schauen, was passiert. Und es passierte ziemlich schnell, ziemlich viel.

K.M.: Cairo kam zu jeder Probe mit einem oder zwei neuen Songs. Das war irre.

C.R.: Ein paar Wochen später, Ende Februar, hatten wir dann zwölf Songs einigermaßen auf der Pfanne. Nebenbei probten wir ja auch mit REININGHAUS weiter und spielten Gigs … ich weiß wirklich nicht, wie wir das damals alles hinbekommen haben.

K.M.: Und haben ja auch noch einen neuen Proberaum bezogen. Der war in der Auenstrasse (heute Hinrichsenstrasse). Das war natürlich auch wieder ein Abrisshaus, aber im Hinterhof. Ich hatte da Jahre zuvor mal mit einer anderen Band geprobt. Den haben wir uns nun wieder hergerichtet.

Hier erst einmal Musik: SHE’S CRAZY war einer der ersten Songs, den Cairo für REAL DEAL schrieb. Die Aufnahme stammt vom Februar 1988 und wurde einen Monat später auf dem ersten Tape der Band veröffentlicht. Cairo: „Das ist eine Art Umweltprotestlied … es geht um die Luftverschmutzung. Die war in Leipzig zu dieser Zeit ziemlich krass. Und auch sonst, wenn ich an die Gewässer denke. Da ist also die geschundene und müde Erde, die schlaflos durch das Universum kreist und diesen ganzen Quatsch von uns Menschen so satt hat … naja, ziemlich naiv … aber leider immer noch aktuell.“

The Real Deal: Fotosession in einem Tagebau bei Leipzig, Sommer 1988 (Reininghaus, Kaiser, Müller v.l.n.r.)

The Real Deal: Fotosession in einem Tagebau bei Leipzig, Sommer 1988 (Reininghaus, der Dicke, Müller – v.l.n.r.)

Wie müssen wir uns denn dieses Abrisshaus vorstellen? Gab es da Strom? War es dort sicher?

K.M.: Das war einfach eine Bruchbude, die von der kommunalen Wohnungsverwaltung aufgegeben worden war und seit Jahren „leer“ stand. Strom und Wasser waren eigentlich abgestellt. Das heißt, der Strom floss bis zu den jeweiligen Verteilern im Haus und war dann „abgetrennt“. Wir fanden heraus, dass man nur an den Verteiler ran musste (die waren jeweils oberhalb der Eingangstüren zu den einzelnen Wohnungen angebracht), vorsichtig den Deckel entfernen und dann die Drähte wieder anschließen musste. Eine Fummelarbeit, nicht ganz ungefährlich und klar, verboten. Aber es funktionierte. Wasser allerdings gab es wirklich nicht, was hygienisch gesehen ein wenig hinderlich war …

Reininghaus - Fotosession in Leipzig (1987/1988)

Hier sieht man das Abrisshaus in Leipzig. Das Foto entstand während einer Fotosession der Band „Reininghaus“. (v.l.n.r.: Kai Reininghaus, Johannes Ackner, Frank Heyner)

C.R.: Oh ja, die Toilette war ein Ort, den man nur in allerhöchster Not besuchte … Diese Verteilerkästen hatten übrigens auch so’ne Sicherheitsblombe, die nicht beschädigt werden durfte. Das war also immer die Prozedur vor jeder Probe und danach. Denn falls irgendwer kontrollieren sollte, musste alles unverändert aussehen. Das lief so räuberleitermäßig … wir waren da ziemlich schnell sehr fix darin. Zack, ich auf den Dicken, Schraubenzieher raus und los …
Natürlich war das alles irgendwie strange. In der Wohnung lagen noch Sachen von Leuten, die vor Jahren wohl hier gewohnt hatten. Möbel, Klamotten, Bilder, Briefe … Es war eigenartig. Und klar,  hatten wir Sorge, dass man dort einbrach und unsere Technik verschwinden würde. Wir konnten ja nicht jedes Mal Verstärker, Schlagzeug und den ganzen Kram mitnehmen. Wir hatten im alten Proberaum in Gohlis (Lindenthaler Strasse) schon einen Einbruch erlebt, allerdings waren wir da mit einem blauen Auge davon gekommen.

K.M.: Man konnte ja auch niemanden dann informieren oder so, also meinetwegen die Polizei … das war alles total illegal und verboten. Aber wir haben die Tür verstärkt und eine Batterie von Schlössern angebracht. Und außerdem waren wir nicht ganz allein in der Bude. Über uns hatten sich Kraftsportler einen illegalen Trainingsraum eingerichtet …

C.R.: Ja, das war lustig, wenn die Herren immer hochgestiefelt sind und wir uns auf der Treppe begegneten. Das war nicht so, dass die unbedingt auf unsere Musik standen (die hörten sie ja oft genug), aber man respektierte sich. Ich wundere mich übrigens heute noch, dass uns keiner von den Mietern im Vorderhaus verpfiffen hat. Es war ja klar, wenn wir durch die Toreinfahrt mit Gitarrenkoffern marschierten und im abgefuckten und verbotenen Hinterhaus verschwanden, dass das nicht koscher war …

K.M.: Naja, manchmal haben die schon komisch geguckt … vor allem, wenn wir nachts nach einem Auftritt den ganzen Krempel von der Straße ins Hinterhaus geschleppt haben. Das war nicht unbedingt leise. Aber stimmt, es ging bis zum Schluss alles gut.

Stop. Pause. Musik: THE GIRL ist ein weiterer Track vom ersten REAL DEAL-Tape. Cairo schrieb ihn im Januar 1988: „Das ist ein Liebeslied. Ich hatte kurz zuvor meine Frau kennengelernt und Schmetterlinge im Bauch, wir schwebten im siebenten Himmel. Felicitas fand auch das ganze Musikding gut und war immer mit dabei. Wir waren quasi vom einen auf den anderen Tag unzertrennlich.“

Zurück zum Thema: Warum wolltet ihr so früh eine Kassette aufnehmen? Ihr wart ja erst ein paar Wochen zusammen.

K.M.: Ich glaube, Cairo kam mit der Idee, aufzunehmen. Aber von einem Tape war da noch nicht die Rede. Wir wollten einfach mal schauen.

C.R.: Ich hatte große Lust auf die ganze Sache. Ich fand (und finde) diesen ganzen Recording-Prozess total spannend. Wir hatten mit REININGHAUS knapp ein Jahr zuvor in einem Studio aufgenommen. Da waren wir ja „nur“ die Ausführenden, um den Mix und das Aufnehmen haben sich andere gekümmert. Mit REININGHAUS wäre das auch schwieriger gewesen. Wir waren sechs Leute und die in einem einfachen Proberaum aufzunehmen war schlichtweg technisch zu dieser Zeit für mich nicht möglich.

K.M.: REAL DEAL waren da pflegeleichter … drei Typen und ganz klassisch: Schlagzeug, Gitarre, Bass, Gesang …

C.R.: Genau, das war überschaubar und mit unserem Equipment auch zu handeln. Jedenfalls dachte ich, hey, wir haben genügend Material, lasst uns das mal festhalten!

Apropos Equipment – was für Technik habt ihr verwendet? Waren Mehrspuraufnahmen möglich?

C.R.: Mehrspur-Recording? Haha … Nein, im Ernst, heute ist das ja nur noch schwer vorstellbar. Mittlerweile kann man mit einem überschaubaren finanziellen Einsatz professionell über den Computer ´zig Spuren aufnehmen und zusammenschneiden und loopen etc. Damals geschah das alles eher intuitiv, es gab ja kein Internet, wo man hätte schauen können oder ein Tutorial auf  YouTube ansehen …

K.M.: Obwohl, diesen ganzen Overkill an Infos heute finde ich auch schwierig, das kann manchmal ganz schön abschrecken. Wir haben’s einfach gemacht … (lacht)

Real Deal First Tape Recording Stuff

Recording Stuff 1988: Der 6-Kanal-Monomixer von Vermona (Mono!) hatte einen integrierten Verstärker und kostete 2500 Mark der DDR! Daneben sieht man das Kassettendeck (JVC) auf dem aufgenommen wurde.

C.R.: Wir hatten einen 6-Kanal-Mischpult (Vermona Regent 1060) mit eingebauten 100-Watt-Verstärker über den wir auch sonst probten. Das Ding war Mono und hatte einen Halleffekt eingebaut. Ich wollte mein gutes JVC-Kassettendeck als Aufnahmegerät mitnehmen und hatte mir vorher einen Plan gemacht …

K.M.: Ja, stimmt. Du hattest aufgemalt, wo wir stehen und wie viele Mikrofone jeder bekam … ich sehe das karierte Blatt noch vor mir.

C.R.: Wir hatten ja nicht so viele Mikrofone und ich musste die Anzahl wissen und auch, was an Kabeln nötig war. Klar war, dass wir jeden Song immer komplett aufnehmen mussten. In einem Ritt. Wie gesagt, Mehrspurrecording war nicht (also erst die Instrumente und dann den Gesang und so weiter nacheinander aufnehmen) und wir hatten sechs Eingänge. Das hieß zwei für Gesang (für mich und den Dicken), jeweils einen für Gitarre und Bass, macht vier. Zwei blieben also noch für das Schlagzeug. Das war eigentlich zu wenig …

K.M.: Dann haben wir uns überlegt, dass wir noch so einen kleinen Mini-Mixer dazwischenpacken. Den haben wir uns geliehen. Der hieß Disco 2000, ganz einfaches Teil, vier Eingänge, vier Lautstärkeregler. Und damit konnten wir das Schlagzeug mit vier Mikrofonen abnehmen. Das waren alles sogenannte „Schwarzwurzeln„, so DDR-Teile. Die waren nicht überragend, aber okay. Nur Cairo hatte für seinen Gesang ein besseres Mikro …

C.R.: Stimmt. Das „Teac“ – ein Westteil, hatte ich für 1000 DDR-Mark gekauft von diesen Elektromusikern, die bei unserer WG in Gohlis gegenüber gewohnt haben … das Geld hatte ich mir von meiner Oma geliehen. Die hatte immer ein offenes Ohr für meine Musikambitionen …

Weiter mit Musik: THE WALL – der Song mit dem Saxofon. Kai Müller: „Den hatten Cairo und ich schon mal vor langer Zeit gejamt. Aber nur so Fragmente, noch vor REININGHAUS. Jetzt spielten wir ihn klassisch, also der Dicke den Bass, Cairo Gitarre. Ohne Gesang. Das war irgendwie unspektakulär. Schließlich brachte der Dicke sein Saxofon mit und spielte. Wir machten große Augen. Hey, dass ist cool! Und so nahmen wir ihn dann auf – Cairo spielt da den Bass … und wir haben ganz viel Hall auf der Aufnahme.“

The Real Deal: Fotosession Sommer 1988 in einem Tagebau bei Leipzig

The Real Deal: Fotosession Sommer 1988 in einem Tagebau bei Leipzig (Müller, der Dicke, Reininghaus v.l.n.r.)

Ein eindrucksvolles Foto! Lasst uns doch noch kurz auf das Cover zu sprechen kommen …

K.M.: Das Foto ist bei einer Session in einem Tagebau in Markkleeberg im Frühsommer 1988 entstanden. Da ist heute überall Wasser … [Hinweis: Dazu gibt es eine eigene Story: Fotosession im Tagebau einfach hier klicken]

C.R.: Wie ich auf die Idee mit dem roten Streifen gekommen bin, weiß ich nicht mehr genau. Irgendwie hat mir das gefallen … Ich habe eine Weile herumprobiert. Die ersten Versionen waren ganz plump, so skizzenartig, gemalt. Später half der Zufall: Wir hatten im Klubhaus („Arthur Hoffmann“ in der Steinstraße, Connewitz) in dem ich gearbeitet habe, Einladungskarten für eine Vernissage drucken lassen. Und da waren einige Streifen übrig. Ich fand das Papier klasse, so leicht glänzend und eine Art dünner Karton. Das lag eine Weile auf meinem Schreibtisch herum. Schließlich kam noch das rote Klebeband hinzu (woher das allerdings stammt, weiß ich wirklich nicht mehr). Es war eine ganz einfache Geschichte, aber sehr wirkungsvoll.

The Real Deal Tape 1 Cover Skizze (c) Kai Reininghaus 1987

Work in progress: So sah eine erste Version des Covers aus.

Und hier die finale Version des Covers der ersten Kassette von Real Deal. Alle Angaben zu den Songs, der Band und so weiter hat Cairo per Schreibmaschine direkt auf die dünne Pappe getippt. Auf den ersten Exemplaren gab es allerdings noch keine Fotos – erst später.

The Real Deal Tape 1 Cover 1988 (c) Kai Reininghaus

Hier noch einige weitere Songs des ersten Tapes vom März 1988. Viel Spaß!

Links zu weiteren Real Deal – Stories:

 

 

 

Februar 1987: REININGHAUS rocken einen Kirchenkeller

Im Februar 1987 gaben „Reininghaus“ ihr erstes Konzert. Zu dieser Zeit existierte die Band gerade einmal einige Wochen, hatte auch noch keine DDR-typische „Einstufung“ gemacht. Ohne diese sogenannte „Pappe“ war ein ein öffentlicher Auftritt nicht möglich – Ausnahmen bildeten Kirchen oder private Räume. Der Veranstaltungsort war dann auch ganz typisch der geräumige Untergrund der Michaeliskirche zu Leipzig. Von dieser Veranstaltung existieren keine Tonaufnahmen, aber: Fotos! Und Erinnerungen. Gründungsmitglieder Kai Müller (Schlagzeug) und Kai Reininghaus (Gesang, Gitarre) erzählen über dieses denkwürdige Ereignis.
Die Band Reininghaus Live im Kirchkeller Michaeliskirch Leipzig Februar 1987 (c) Reininghaus

REININGHAUS Live im Kirchenkeller der Michaeliskirche (Leipzig, Februar 1987)

Kai Reininghaus: In einer Kirche ein Rockkonzert zu geben, war für mich neu. Ich kam ja aus einer kleinen Stadt in Thüringen, Konzerte in Kinos oder Theatern hatte ich schon erlebt. Aber Verstärker, Schlagzeug, laute Gitarren u.s.w. in einer Kirche? Da gab es Weihnachten ein Krippenspiel, an das ich mich erinnern konnte. Jedenfalls war ich erstmal skeptisch … Ich war ja auch erst ein paar Monate in Leipzig.
Kai Müller: Der Kirchenkeller in der Michaeliskirche war etwas Besonderes. Da haben schon Ende der 70iger Jahre oppositionelle Gruppen einen Platz gefunden. Friedensgruppen, Umweltgruppen usw. Auch Lesungen fanden statt und später Konzerte. Ich war da in den 80iger Jahren immer mal dort und kannte den Pfarrer. Und so kamen wir auch zu dem Gig.
Robert Gläser (Bass) und Kai Reininghaus (Gesang, Gitarre) auf der kleinen Bühne der Michaeliskirche (Leipzig, Februar 1987)

Robert Gläser (Bass) und Kai Reininghaus (Gesang, Gitarre) auf der kleinen Bühne der Michaeliskirche (Leipzig, Februar 1987)

Kai Reininghaus: Als Band waren wir erst seit ein paar Wochen zusammen. Mit Robert Gläser am Bass hatten wir im Dezember 1986 angefangen und im Januar 1987 kam Frank Heyner dazu (Gitarre). Wir probten viel und irgendwie waren von Anfang an auch andere Leute mit im Proberaum. Freunde und Bekannte von Robert. Auch Johannes Ackner war darunter. Der stieg im April dann als Saxofonist ein. Also, wir haben quasi immer mit Publikum geprobt. Das ist ja gerade bei Bandproben eher ungewöhnlich, Songs entstehen meist im intimen Rahmen. Der Prozess von der Idee zum fertigen Song ist für Zuhörer (manchmal auch für Bandmitglieder) ein eher zäher, man wiederholt und verwirft etc. …
Kai Müller Kirchkeller Leipzig (Reininghaus, Februar 1987)

Kai Müller am Schlagzeug (die gestreifte Hose war in Wirklichkeit schwarz/gelb. Die automatische Nachcolorierung der ursprünglichen s/w Fotos kommt hin und wieder an ihre Grenzen 🙂

Kai Müller: Die Leute waren irgendwie froh, einfach dabei zu sein. Daraus wurde ein richtiger kleiner Fanclub. Ich glaube aber, wenn die Zuhörer sich in die Proben aktiv eingemischt hätten, wäre das nicht lange gut gegangen. In dieser Phase haben wir ja noch so in Richtung New Wave und – heute würde man sagen: Post Punk – gespielt. Also frisch und einfach. Kompliziert wurde es erst später … (lacht)

Kai Reininghaus: Ich glaube, Robert wollte so schnell wie möglich live spielen. Wir hatten uns in musikalischer Hinsicht zu dem Zeitpunkt noch nicht so richtig gefunden. Also, wo sollte es hingehen, sollen es deutsche Texte sein, oder englische … usw. Ein öffentlicher Auftritt war in dieser Phase eigentlich zu früh. Aber klar, irgendwie waren wir dann alle heiß …
Gläser, Reininghaus und Heyner: Reininghaus live im Kirchkeller Michaeliskirche (Leipzig, 1987)

„Reininghaus“ 1987 im Kirchkeller der Michaeliskirche (Leipzig): Gläser, Reininghaus und ganz rechts Frank Heyner (Gitarre).

Kai Müller: Ein Freund von mir hat unsere Sachen vom Proberaum zur Kirche gefahren, mein Schlagzeug und die Gitarrenverstärker. Zum Glück hatte die Kirche eine kleine PA mit Mixer usw. Wir hätten uns sonst was ausleihen müssen, was nicht einfach gewesen wäre und auch Geld gekostet hätte. Und Gage gab es keine. Wir hatten ja auch noch keine Einstufung …

Kai Reininghaus: Die hätten wir in der Kirche eh‘ nicht gebraucht (lacht). Aber zum Thema „Einstufung“ erzählen wir ein anderes Mal mehr. Ich war jedenfalls überrascht, wir geräumig der Ort war … es hieß ja „Keller“. Die Bühne allerdings war winzig. So’ne Nische. Das sieht man gut auf den Fotos.
Reininghaus 1987 live in Leipzig (Kirchenkeller Michaeliskirche)Kai Müller: Ja, und dicht über uns Rohre, an denen Eimer hingen, die eventuelles Tropfwasser auffangen sollten. Das war lustig … Ich war ganz hinten mit meinen Drums und hab eigentlich fast nichts vom Publikum mitbekommen.

Ein Blick ins Publikum beim Reininghaus-Konzert 1987 in der Michaeliskirche: Ganz rechts am Rand kann man u.a. drei Mitglieder einer anderen Leipziger Band erkennen – Neu Rot.

Kai Reininghaus: Und der Laden war ja voll, was mich auch erstaunt hatte. Also, klar, unser „Fanclub“, andere Musiker (zum Beispiel Jörg Stein und Henrik Eiler von NEUROT … siehe Fotos), aber auch jede Menge unbekannte Gesichter. Unser Set war nicht sehr lang, so 35-40 Minuten vielleicht. Alles, was wir eben in der kurzen Zeit an Songs hatten. Manche noch gar nicht fertig, was dann eher in Richtung Session lief. „Boys don’t cry“ von The Cure haben wir gecovert … Aber das war die Ausnahme, wir wollten von Anfang an nur eigene Sachen machen.

Reininghaus Live (1987 Michaeliskirch, Leipzig) mit Robert Gläser und Kai ReininghausKai Müller: Die Leute forderten Zugaben, wollten noch etwas länger ihren Spaß, also haben wir einfach das Set wiederholt … Für’s erste Mal lief es super, ich hab jedenfalls keine negativen Erinnerungen.

Kai Reininghaus: Ich auch nicht. Ich glaube, wir haben da noch Wein reingeschmuggelt – da gab’s nämlich keinen Alkohol. Aber so lange feiern konnten wir gar nicht. Der ganze Kram musste ja wieder zusammengepackt und zurück zum Proberaum gebracht werden. So waren die Zeiten …

PS: Die Fotos sind im Original alle schwarz/weiß und hier teilweise nachcoloriert.

A long way: Kai & Kai machen Musik

REININGHAUS, REAL DEAL, Tirsa Perl … seit Mitte der 80iger Jahre machen Kai Müller und Kai „Cairo“ Reininghaus (mit einigen Pausen) gemeinsam Musik. Nun hat Cairo eine alte Aufnahme gefunden, die zurück zu den Anfängen führt und gleichzeitig auch eine Verbindung in die heutige Zeit darstellt. Warum das so ist und was es sonst noch mit „Beauty Face“ – so der Name des verschollenen Songs – auf sich hat, erzählt Reininghaus hier. Und klar: Den Song gibt’s auch zu hören. Aber erst einmal, die Frage, wie alles begann …
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So richtig los ging es, als ich im Herbst 1986 nach Leipzig zog. Da saßen wir also in unserer frisch eröffneten WG und waren wild entschlossen, eine Band(!) zu gründen. Wir hatten auch schon einen Namen – REININGHAUS. Das war damals in der DDR ein recht seltener Name. Ich kannte niemanden sonst, der so hieß. Gut, es gab auch noch kein Internet, wo man mal schnell gucken konnte. Ich weiß nicht mehr, wer den Vorschlag machte, glaube aber, dass es Herr Müller war.
Müller und Reininghaus Ende 1986 - die Gründungsphase von "Reininghaus"

Müller und Reininghaus Ende 1986 in Leipzig – die Gründungsphase von „Reininghaus“

Kai und Kai machen Hausmusik …

Zu zweit also machten wir eine Art elektronisch verstärkte Hausmusik. Schlagzeug, E-Gitarre, Stimmen. Sehr zum Verdruss der Hausmitbewohner. Vor allem eine ältere Nachbarin klingelte immer wieder und riss uns aus dem schöpferischen Prozess. Die gute Frau. Zumindest trieb sie damit unseren Entschluss, einen Proberaum zu finden, in ungeahnte Höhen. Wir waren gnadenlos aktiv. Und hatten Erfolg. Es gab ja jede Menge Abrisshäuser, damals in L.E. Kurz darauf kamen (zuerst) Robert Gläser und anschließend Franky Heyner dazu, später noch Hannes Ackner. Die Band REININGHAUS war damit komplett.
Müller und Reininghaus in ihrer WG in Leipzig, Anfang 1987

Müller und Reininghaus in ihrer WG in Leipzig, Anfang 1987.

Ein Karton mit alten Tapes …

Die Aufnahme im YouTube Link unten stammt allerdings noch aus dieser ganz frühen Hausmusik-Phase vom November 1986. Ich glaube, es ist das früheste erhaltene Tondokument von Kai & Kai überhaupt. Wir wussten auch gar nicht mehr, dass es sie gab. Im Dezember letzten Jahres fand ich einen Karton mit alten Kassetten, und da, zwischen irgendwelchen zeitgenössischen Radio-Songs, eine fünfeinhalb Minuten lange Zeitkapsel. Ich war baff. Und auch gerührt.
Das Tape, auf der die alte Aufnahme versteckt war.
Ich erinnerte mich, dass wir damals hin und wieder meinen alten Nordmende-Kassettenrekorder (Mono!) anschmissen und aufnahmen. Über das eingebaute Mini-Mikrofon. Ein Witz in Sachen Qualität, Rauschen etc., natürlich. Dafür klingt das Ergebnis aber erstaunlich und das Band hat sich gut gehalten.

Und hier endlich auch … der Song!

1986 | 2021: All die Jahre …

Im Original sind nur die Basic Tracks, also Schlagzeug und eine Gitarre zu hören. Bei dem Gitarrensound fällt mir auch gleich ein, dass ich da einen frisch erworbenen Vermona-Gitarrenverstärker hatte. Mit eingebauten Tremolo-Effekt. Das hört man recht deutlich. Alles andere habe ich einfach so um Weihnachten rum dazu gespielt. So ist eine alter/neuer Song entstanden. Eine Klammer, quasi, zwischen damals und heute.
Kai Müller und Kai Reininghaus 2017 im Proberaum Leipzig. Aktuell heisst ihr gemeinsames Projekt TIRSA PERL.

Kai Reininghaus und Kai Müller 2017 im Proberaum Leipzig. Aktuell heisst ihr gemeinsames Projekt TIRSA PERL. Foto: Felicitas Reininghaus

Hier die Aufnahme „Beauty Face“ (1986/2021) als mp3
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Alle Infos zum aktuellen Projekt von Müller und Reininghaus (Tirsa Perl) hier: https://www.reininghaus-media.de/tirsa-perl-2/
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Infos zu REININGHAUS (Ende 1986 – März 1988) hier:
https://www.reininghaus-media.de/reininghaus/
Reichlich Infos zu REAL DEAL (Ende 1987 – Juni 1989)
https://www.reininghaus-media.de/the-real-deal/
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FALL APART

DAS NEUE ALBUM VOM PHONEHEAD MUSIC CLUB

Im November 2020 erscheint das neue PMC-Album „Fall Apart“. Hinter dem (Solo)Projekt steht der Berliner Musiker Cairo Reininghaus.

Albumcover FALL APART by PMC (c) kai reininghausDie Songs …

Die Songs sind 2018 entstanden und aufgenommen worden. Bis auf eine Ausnahme vom Sommer 2020, ich sage aber nicht, welcher Track das war. Könnt ihr mal raten 🙂 Der ursprüngliche Plan war, 2019 ein Album zu veröffentlichen. Dann zeichnete sich aber ab, dass ein anderes Projekt im Vordergrund stehen würde – THE REAL DEAL, eine DDR-Indie-Band, die Kai Müller (Schlagzeuger, auch beim aktuellen gemeinsamen Projekt TIRSA PERL) und ich Ende ’87 ins Leben gerufen hatten. Das war natürlich eine Überraschung, mit der ich (wir) nicht gerechnet hatten – schließlich war Real Deal seit Sommer 1989 Geschichte. Auf einmal dann Plattenveröffentlichung und Festivalauftritte in Leipzig (heldenstadt anders festival) und Berlin (OstArt Festival). Das war toll, bedeutete aber auch die Konzentration darauf. Eine verrückte Geschichte mit vielen wunderbaren Momenten. Also sagte ich mir, okay, geht der Phonehead Music Club 2020 an den Start. Niemand konnte ja ahnen, was dann passierte. Das sich unser Leben ziemlich verändern würde.

Das Album noch einmal verschieben, wollte ich aber nicht. Die Songs lagen nun schon beinah zwei Jahre auf Eis und warteten. Das ist ja auch ein Prozess der irgendwann abgeschlossen werden muss. So denke ich jedenfalls. Die Zeit bleibt nicht stehen. Man arbeitet schon an neuen Sachen. Von daher bin ich sehr froh, dass nun die Songs aus diesem kleinen Raum hinaus in die Welt fliegen. Für mich ist das immer auch ein Akt des Loslassen mit einem intensiven Vorlauf  des Schreibens, der Produktion, der Auswahl und so weiter. Letztendlich ist 2020 ein Lebensjahr, das wir alle gelebt haben. Auch, wenn es sehr besonders war und einschneidend, dennoch, es gehört von nun an zu uns und unserer Geschichte.

Die Aufnahmen …

Vom ersten Ton bis zum Cover ist das eine Eigenproduktion. Mir macht das einfach Spaß. Für viele Musiker steht der Prozess des Songschreibens und der Songentwicklung im Vordergrund, den Rest überlassen sie dann mehr oder weniger anderen. Das ist völlig okay, weil das verschiedene und manchmal sehr technische Bereiche sind, da spielen dann u.a. Akustik, Elektronik, Software etc. eine große Rolle und es ist toll, sich dabei auf Fachleute zu verlassen. Allerdings ist man dann auch von deren Sicht der Dinge abhängig, d.h., unter Umständen kommt man mehr oder weniger vom eigenen Weg ab. Was an sich nichts Schlechtes bedeutet, es können sich ja auch ganz neue spannende Dinge so entwickeln. Dafür gibt es viele wunderbare Beispiele.

Andererseits kann es auch zu Irrwegen führen, man verläuft sich vielleicht. Und klar, eine Produktion ist immer auch eine Geldfrage. Aber davon abgesehen, macht mir das einfach viel Spaß. Ich liebe es, wenn die Songs langsam Gestalt annehmen, ich mit Effekten spiele und den Sound der Aufnahme beeinflusse. Das ist eine Welt für sich. Und ja, das erfordert natürlich Zeit. Überspitzt gesagt: Ein Maler würde auch nicht mit seinem Skizzen zu jemandem gehen und ihm sagen, er solle sein Bild fertigstellen.

Das Cover …

Das passende Cover gehört für mich auch zu einer perfekten Platte. Schon immer. Artwork, Fotos, Motive, Stimmungen.  Das hat mir schon damals bei den Real-Deal-Tapes Freude bereitet, da arbeitete man ja noch mit Linolschnitten, Rubbelbuchstaben, farbigem Klebeband etc. … jedes Kassettencover  war praktisch ein Original. In der DDR standen uns keine Kopiergeräte, geschweige denn Copy-Shops zur Verfügung.

Letztendlich ist alles ein komplettes Paket. Dafür ist es wichtig, dass man viele mögliche Motive hat. Ich fotografiere gern, halte Momente fest. Spiele dann mit Verfremdungen am Computer. Die rot-schwarzen Elemente zum Beispiel, stammen von einem Konzertabend. Ich glaube es war ein Tocotronic-Gig vor einigen Jahren im Werk 2 (Leipzig). Die ganze Halle war in rotes Licht getaucht und ich habe den Boden fotografiert, da sind dann Schatten zu sehen und Strukturen. Und schließlich kommt der Moment, wo genau diese Bilder passen. Das Foto auf der Rückseite hat meine Frau an der Ostsee gemacht. So kommt eins zum anderen.

Cover Art FALL APART (c) Kai Reininghaus

Wo kann man das Album hören?

Momentan bei vielen Streaming-Diensten. Einfach mal beim Lieblingsanbieter schauen, oder den Link HIER nutzen. Der führt zu DistroKid und zeigt einen Überblick. Vielleicht gibt es später auch andere Formen, am liebsten wäre mir Vinyl. Mal schauen. Und klar, hier auf dieser Seite sind die Songs auch zu hören.

Cover Artwork FALL APART by PMC (c) kai reininghaus

Cover Artwork FALL APART by PMC (c) kai reininghaus

Interview: First we take Leipzig … Then we take Berlin

In January 1989 the Leipzig Indie band THE REAL DEAL played their first concert in Berlin. The performance was in the movie theater club ,,Gerard Philipe” on Karl-Kunger-Straße in Berlin-Treptow (the building burned to the ground in 1995). The event was called “x Mal: Musik zur Zeit” and was the mecca of the underground scene in the East. The “Independent Disco und Konzertreihe” was begun in 1986 with Ronald Galenza at al. . Kai “Kaiman” Müller (drums) and Kai “Cairo” Reininghaus (voice and guitar) remember.

tirsa perl_ziegrastrasse_berlin_2015
Müller & Reininghaus talking about old times …

Why was this performance so important?

MÜLLER: There are several reasons.  At that time it was, of course, cool to play in Berlin. And from a later viewpoint: It was the only gig that has good recordings in terms of the sound quality. That’s why we released a tape of it a shortly afterwards [By The Wall – The Real Deal Live] And the event series was really good.
REININGHAUS: I can’t remember if we realized at the time what an important event the x Mal Musik zur Zeit was for the Indie scene…
MÜLLER: Well, if you just look on the Internet, it really wasn’t. There was – of course – word-of-mouth advertising. People said this and that, but we were not so connected to that whole scene. Maybe we had heard about it on “Parocktikum” [a music show by Lutz Schramm on the GDR Radio, that played indie music and dedicated itself especially to GDR-Underground music]. But that is just speculation today.

Take a break: Some Music from this concert in 1989: The Real Deal live mit WHY I’M NOT

REININGHAUS: At any rate, we got into the gig because of Ebi Fischel.  He was “our” man in Berlin who took care of our performances. In Berlin there were a lot of Underground Bands, and right next door was the West – it was simply important that we played and got known in that city. And we were excited about it.

Real Deal Backstage in Berlin Januar 1989

The Real Deal backstage at the Kinoclub „Gerard Philipe“ (January 1989). F.l.t.r.: Müller, Reininghaus and „der Dicke“. On the right stands Ebi Fischel – the Tourmanager.

MÜLLER: Even the trip there was an experience. During the first 20 kilometers we asked ourselves why the Trabant [East German car] wasn’t moving very quickly. It was as if we were going uphill with a giant weight. Of course, we were travelling with our driver and three other people and were also pulling a small trailer. But that was not really a problem for the Trabbi (26 horsepower!). We stopped at a gas station. Somehow for us it wasn’t that big of a deal.  The gas station attendant came, looked at the car, looked at us (musicians!) and thought that our handbrake was only half pulled – for some reason it had not lifted the whole way. A little pulling this way and that and all of a sudden our Trabbi took off like a cat!

REININGHAUS: Ya, that was great. Especially since back then it took a long time to get from Leipzig to Berlin. When we got there, we had to set up our instruments. It was a good venue and above all there was a good sound technician! Dieter Huth was his name. We noticed that right away at the sound check. Wasn’t so easy for both of us: it was the first time together for both of us, the mixer didn’t know our sound or even how we wanted to sound. But it all went well from the start. He was really creative – you could hear it on the recording, he worked with the right effects, without ruining the music.

The Real Deal Live in Berlin 1989

Mixer von oben: D. Huth war für den guten Sound verantwortlich. Rechts oben im Bild ist Cairo’s Tapedeck zu sehen, was extra für diesen Abend aus Leipzig mitgebracht wurde.

MÜLLER: Cairo brought his tape deck and we still had some extra tapes from the West from the Intershop. We were always annoyed that we hadn’t recorded previous performances. This time we were going to get it right. And that was no problem for the mixer, he connected our tape deck to the mixing console. And it worked. Unfortunately there are only a couple of photos and they are somewhat blurry. Something was wrong with the camera. We really couldn’t be bothered about that at the time. We were rather naïve and careless. And today we are happy for every picture that still exists.

Another break, another Song: THE REAL DEAL performs SEE YOU

By the Wall …

REININGHAUS: After the sound check we were hungry and wanted to get something to eat. I remember that the club was rather close to the Berlin Wall. Behind us was Kreuzberg, maybe 20 meters away. But unattainable. A different planet. That was clear to us and we had grown up with it that way – the border, the Wall and everything that went with that. That whole sick shit. But when you were standing directly in front of it, it was something else. Well, on our East side, you really couldn’t get right up to the Wall.  Police or Border Police came quick as lightening and you were “permitted” to show your identification. We went into the concert thinking of these impressions and feelings.

MÜLLER: We also had a song on our list about “Being free”, “Freedom” – THE LOOSE.  And that was really weird to play that song directly next to the Wall.

REININGHAUS: And we released the live cut a couple of weeks later with the title BY THE WALL. Hohoho! Of course we were nervous about that back then. Cos of the Stasi (Secret Police) and so on. The Wall was not called the “Wall” officially by the State, they called it the “Anti-fascist Protection Barrier” – and you could really get in trouble back then. We shouldn’t forget that today – they didn’t fool around back then. They took it very seriously. There were enough people who went to prison for such things.

The Real Deal Live in Berlin 1989 x mal Musik zur Zeit

Müller an den Drums, Reininghaus an der Gitarre – vom Gig selbst gibt es nur ein paar Fotos, und die sind meist auch noch unscharf – der Fluch der Technik (defekte Kamera).

MÜLLER: Apropos THE LOOSE – if I remember correctly, it was the first time we played that song and afterward NOBODY’S PERFECT, transitioning right into it … without a break.

And here it is: THE LOOSE und NOBODY’S PERFECT – live in Berlin, January 1989!

REININGHAUS: I know that I had a bad cold and a stupid sore throat. Really bad for a singer. Had to take some medicine – the “good ol’” Analgin … with red wine, not exactly ideal. But we were young. I can’t even remember what we did after the concert. Did we stay in Berlin or did we drive back that night to Leipzig? We played again in Berlin in the Spring.

MÜLLER: That’s right! In the Schmenkelclub…


Translation by Susan Wansink

 

A couple of pictures

Real Deal 1989 in Berlin: Backstage im Kinoklub "Gerard Philipe"

Real Deal 1989 in Berlin: Backstage im Kinoklub "Gerard Philipe"

Real Deal Backstage in Berlin Januar 1989

The Real Deal Live in Ostberlin 1989 - die Bühne im Kinoklub "Gerard Philipe"

Kurz nach dem Soundcheck.

Time for a last song from this evening: THE REAL DEAL in East-Berlin performs: MAKING HEROES


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More stories about THE REAL DEAL:

FIRST TAPE STORY! Alles zum ersten Tape (oder Kassette, wie man damals sagt), das im Februar 1988 erschienen ist.

FOTOSESSION IM TAGEBAU! Im Frühsommer 1988 gab es die erste (von zwei) richtigen Fotosessions mit den Jungs von Real Deal – an einem Ort, der heute komplett unter Wasser steht.

NOBODY IS PERFECT! Das zweite Tape von Real Deal erscheint im Oktober 1988 – wie wurde aufgenommen, wie entstand das Cover? Und: Musik + Bilder!

 

 

First we take Leipzig … Then we take Berlin

Im Januar 1989 spielte die Leipziger Indieband THE REAL DEAL (1987 – 1989) ihr erstes Konzert in Berlin. 1987 und 1988 waren Reininghaus und Müller schon mit ihrer früheren Formation REININGHAUS in der „Hauptstadt der DDR“ aufgetreten – mit unterschiedlichem Ergebnis und gemischten Gefühlen. Aber: Aller guten Dinge sind ja drei, wie das Sprichwort sagt.

Nun also erneut Berlin. Wie würde es werden? Auftrittsort war der Kinoklub „Gerard Philipe“ in der Karl-Kunger-Straße in Berlin-Treptow (das Gebäude ist 1995 abgebrannt). Die Veranstaltungsreihe hieß „x Mal: Musik zur Zeit“ und war das Mekka der Underground-Szene im Osten. Die „Independent Disco und Konzertreihe“ wurde 1986 u.a. von Ronald Galenza ins Leben gerufen. Aber lassen wir die Musiker selbst zu Wort kommen: Kai „Kaiman“ Müller (Schlagzeug) und Kai „Cairo“ Reininghaus (Gesang und Gitarren) erinnern sich.

tirsa perl_ziegrastrasse_berlin_2015
Müller & Reininghaus reden über alte Zeiten …

Warum ist gerade dieser Auftritt so wichtig?

Müller: Das hat mehrere Gründe. Damals war es für uns natürlich geil, in Berlin zu spielen. Und aus späterer Sicht: Es ist der einzige Gig von dem klasse Aufnahmen existieren, was die Soundqualität betrifft. Es gibt noch ein paar andere Mitschnitte, aber die reichen da lange nicht heran. Deshalb haben wir kurze Zeit später eine Tape davon veröffentlicht [By The Wall – The Real Deal Live] Und die Veranstaltungsreihe war ja auch nicht ohne …

Reininghaus: Ich kann mich gar nicht erinnern, ob uns damals klar war, was das für eine wichtige Institution in Sachen Indie war. x Mal Musik zur Zeit … auch der Titel ist mir erst aus späteren Jahren ein Begriff, also lange nach der DDR …

Müller: Naja, mal eben im Internet gucken und so, war ja nicht. Es gab – klar – Mundpropaganda. Man erzählte sich dies und jenes, aber so sehr waren wir ja nicht mit der ganzen Szene verbandelt. Vielleicht hatten wir in „Parocktikum“ [Musiksendung von Lutz Schramm im DDR-Rundfunk, die Indiemusik spielte und sich speziell auch dem DDR-Underground widmete] mal was darüber gehört. Aber das ist heute Spekulation.

Bevor die Unterhaltung weiter geht, erst einmal Musik von diesem Abend im Januar 1989: The Real Deal live mit WHY I’M NOT

Reininghaus: Jedenfalls sind wir über Ebi Fischel zu dem Gig gekommen. Das war „unser“ Mann in Berlin, der sich um Auftritte kümmerte. Das war super, Ebi hatte die richtigen Connections und konnte mit unserer Musik auch etwas anfangen. Und klar, Berlin war natürlich wichtig. Hier gab es eine Menge Underground-Bands, nebenan war der Westen – es war einfach wichtig, dass man in dieser Stadt spielte und bekannt wurde. Dementsprechend waren wir natürlich auch aufgeregt …

Real Deal Backstage in Berlin Januar 1989

The Real Deal backstage kurz vor ihrem Auftritt im Kinoclub „Gerard Philipe“ (Januar 1989). V.l.n.r.: Müller, Reininghaus und der Dicke. Ganz rechts im Bild ist Ebi Fischel – der Tourmanager. Weiter unten im Text gehen Kaiman und Cairo speziell auf dieses Bild ein …

Anfahrt mit Hindernissen, Mixer mit Herz

Müller: Schon die Hinfahrt war ein Erlebnis. Die ersten 20 Kilometer wunderten wir uns, warum der Trabbi, mit dem wir fuhren, überhaupt nicht aus den Puschen kam. Es war, als wenn wir die ganze Zeit bergauf mit einer ungeheuren Last führen. Klar, waren wir zusammen mit unserem Fahrer vier Leute und hatten einen kleinen Anhänger. Aber das war für den Trabbi eigentlich kein Problem. Wir hielten dann an einer Tankstelle. Irgendwie war uns die Sache nicht geheuer. Der Tankstellenwart kam, sah es sich an, sah uns an (Musiker!) und meinte dann nur, dass die Handbremse halb angezogen wäre – die hatte sich aus irgendeinem Grund nicht völlig gelöst. Ein bisschen hin- und hergeruckel und zack, ging unser Trabbi ab wie Schmidt’s Katze!

Reininghaus: Ja, das war schön. Vor allem, weil man damals ja von Leipzig nach Berlin eine Weile unterwegs war. Naja, wir haben’s schließlich geschafft. Dort angekommen, mussten wir natürlich erstmal unsern Kram aufbauen. Eine gute Anlage gab es und vor allem auch einen sehr fähigen Tontechniker! Dieter Huth hieß der. Haben wir gleich beim Soundcheck gemerkt. Ist ja für beide Seiten nicht so einfach: Man sieht sich zum ersten Mal, der Mixer kennt den Sound und die Soundvorstellungen der Band nicht. Aber das lief gleich gut. Der war richtig kreativ – man hört das gut auf den Aufnahmen, hat mit den richtigen Effekten gearbeitet, ohne dass es die Musik zerstört.

The Real Deal Live in Berlin 1989

Mixer von oben: D. Huth war für den guten Sound verantwortlich. Rechts oben im Bild ist Cairo’s Tapedeck zu sehen, was extra für diesen Abend aus Leipzig mitgebracht wurde.

Müller: Cairo hatte sein Tapedeck mitgebracht und wir hatten extra noch Westkassetten im Intershop besorgt. Bei vorigen Auftritten haben wir uns im Nachhinein immer mächtig geärgert, dass wir nicht aufgenommen hatten. Dieses Mal wollten wir alles richtig machen. Und für den Mixer war das gar kein Problem, er hat das Tapedeck direkt ans Mischpult angeschlossen. Tja, und es hat sich gelohnt, denn die Aufnahmen sind wirklich super und wir haben davon später ein Tape veröffentlich.

Reininghaus: Ja, die Aufnahmen sind toll. Deshalb ist dieser Auftritt auch im Nachhinein so wichtig – von den raren Livemitschnitten sind das die qualitativ besten. Leider aber gibt es nur sehr wenige Fotos und die sind eher unscharf. Irgendwas stimmte mit dem Fotoapparat nicht. Wir haben uns auch nicht wirklich darum gekümmert. Wir waren, was das betrifft, ziemlich naiv und nachlässig. Und sind heute froh, über jedes Bild, was noch existiert.

Hier ein weiterer Song von diesem Konzert: SEE YOU

Und nebenan: die Mauer …

Reininghaus: Nach dem Soundcheck hatten wir Zeit und wollten irgendwo etwas essen. Ich erinnere mich, dass der Klub ziemlich nah an der Mauer war. Dahinter war dann Kreuzberg, also vielleicht 20 Meter entfernt. Aber eben unerreichbar. Es war uns ja allen klar und wir waren damit aufgewachsen – Grenze, Mauer … und alles, was damit zusammenhing. Dieser ganze kranke Scheiss. Aber wenn man dann so direkt davor stand, war es doch etwas anderes. Naja, so richtig kamen wir auf der Ostseite gar nicht an die Mauer ran. Da kamen gleich Vopos oder Grenzer angeflitzt und man „durfte“ sich ausweisen (Bürger!). Mit diesen Eindrücken und Gefühlen sind wir dann in das Konzert gegangen.

Müller: Es gab auch einen Song in unserer Setlist, der das Thema „Freisein“, „Freiheit“ behandelt – THE LOOSE. Und das war natürlich schon eigenartig, direkt an der Mauer, diesen Song zu spielen.

Reininghaus: Und wir haben den Livemitschnitt von diesem Konzert ein paar Wochen später ja auch unter dem Titel BY THE WALL veröffentlicht. Hohoho! Klar, ein wenig Bauchkrummeln gab’s da schon. Von wegen Stasi und so. Die Mauer war ja nicht die „Mauer“ im offiziell genehmigten Sprachgebrauch, sondern der „antifaschistische Schutzwall“ – und man konnte da richtig Ärger bekommen. Man darf das heute auch nicht vergessen – das war alles kein Spaß. Die meinten das ernst. Gab ja genug Leute, die wegen solcher Sachen im Knast saßen.

The Real Deal Live in Berlin 1989 x mal Musik zur Zeit

Müller an den Drums, Reininghaus an der Gitarre – vom Gig selbst gibt es nur ein paar Fotos, und die sind meist auch noch unscharf – der Fluch der Technik (defekte Kamera).

Müller: Apropos THE LOOSE – wenn ich mich richtig erinnere, haben wir da zum ersten Mal diesen Song und danach NOBODY’S PERFECT gespielt … mit diesem Übergang … so ohne Pause.

Reininghaus: Oh ja, das war geil! Bin mir aber nicht mehr sicher, ob das improvisiert war oder ob wir das vorher so geprobt hatten. Jedenfalls haben wir das danach dann immer so gespielt …

Müller: Wir haben auch erst zuhause in Leipzig gemerkt, was wir da gemacht haben … als wir das Tape zum ersten Mal gehört haben. War ein echter Flash! Ich glaube auch, dass das Publikum ganz gut mitgegangen ist. Aber eher so zuhörermäßig. Also, man stand und sah sich das an.

Na, dann wollen wir uns doch gleich mal genau diesen Teil anhören: THE LOOSE und NOBODY’S PERFECT – live in Berlin, Januar 1989!

Reininghaus: Das war natürlich ein verwöhntes Publikum. Wenn ich mir heute die Liste anschaue, was da so an Bands spielte, krass. Es gab jede Woche Liveacts von irgendwelchen Indiebands! Auch aus dem Westen. Normalerweise flippten die Leute bei unseren Konzerten auch gerne aus und tanzten. Das war hier nicht so. Was uns oder mich ein wenig verwirrte. Aber nach jedem Song gab’s Applaus, also war’s wohl okay.

Liste Veranstaltungen Ost-Berlin 1989 (Ausschnitt aus dem Kultur-Kalender von Ronald Galenza)

Hier ein kleiner Ausschnitt, mit Konzertterminen in Berlin u.a. bei „xMal Musik zur Zeit“ (Ende 1988 / Anfang 1989). Quelle: Kultur-Tagebuch von Ronald Galenza. Link: http://beat-poet.de/pages/music/pop-poetics/kultur-kalender.php

Zeig doch mal die Bilder!

Müller: Was mir eben noch einfällt, wenn ich die Fotos sehe, ist, wie karg der Backstage-Bereich war. Nix mit Cathering oder so. Zumindest gab’s Getränke. Und du hattest `ne ziemliche Erkältung.

Real Deal 1989 in Berlin: Backstage im Kinoklub "Gerard Philipe"Reininghaus: Ja, mit doofen Halsschmerzen. Musste ich dann Tabletten einwerfen – die „guten“ Analgin … und der Rotwein dazu, war natürlich nicht ideal … Aber wir waren jung … Man kann auch sehen, was das für ein Wein war – „Kaminfeuer“ – aha! Und die Filmplakate sind auch klasse, naja, war ja eigentlich auch ein Kino. Aber das war im Osten zu dieser Zeit keine Ausnahme. Kinos waren groß, boten Platz und hatten eine Bühne.

Real Deal 1989 in Berlin: Backstage im Kinoklub "Gerard Philipe"Müller: Und guck mal, ist das hier ein Lötkolben, da auf dem Aschenbecher? Ja! Ich lach mich kaputt! War aber wichtig, wenn irgendein Kabel lose war … Schade, dass man nicht lesen kann, was auf der Setlist steht, welche Songs wir gespielt haben … Und die Zigaretten „Club“ und „Kenton Blau“ … Man, dass ist eine richtige Zeitreise!

Real Deal Backstage in Berlin Januar 1989Reininghaus: Das ist noch vor dem Konzert. Wahrscheinlich auch noch vor dem Soundcheck. Da sieht man mal einen Teil der Bühne. Lustig, mit diesen Treppenstufen. Links hinten neben dem Schlagzeug auf dem Bürostuhl steht mein Gitarrenverstärker. Das war so’n ziemlich kompaktes Teil. Eigentlich lächerlich von der Größe her, aber er hatte einen ganz guten Sound.

The Real Deal Live in Ostberlin 1989 - die Bühne im Kinoklub "Gerard Philipe"

Kurz nach dem Soundcheck.

Zeit für einen letzten Song von diesem denkwürdigen Konzert von THE REAL DEAL in Ostberlin: MAKING HEROES war an diesem Abend übrigens der finale Titel …

Reininghaus: Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, was nach dem Konzert war. Sind wir in Berlin geblieben, oder noch in der Nacht nach Leipzig gefahren? Wir haben später nochmal in Berlin gespeilt, im Frühjahr …

Müller: Stimmt! Im Schmenkelclub … da haben die Leute auch getanzt.

ABER das ist eine andere Geschichte.
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Das Konzert von 1989 auf Vinyl

Den legendären Gig im damaligen Ost-Berlin gibt es nun auf Platte! Schon als Tape seinerzeit erfolgreich und begehrt, erscheint erstmals eine limitierte Vinylausgabe des Konzerts auf Elbtal Records. Postpunk und Wavepop in erstaunlich guter Soundqualität, zeitlose und mitreisende Songs.

Dazu gibt’s ein vierseitiges Booklet mit vielen Fotos, der Bandstory und einem Interview mit Schlagzeuger Kai Müller und Sänger Kai Reininghaus. Vorbestellungen hier (Link zum Mailorder truemmer popo). 

Im Film unten erinnern sich Reininghaus und Müller u.a. an die turbulenten Stunden damals und die Nähe der Mauer. Das Video erschien erstmals im Rahmen der Vinylveröffentlichung auf der Heldenstadt Anders Website (FB).

 

Weitere Links & Geschichten zu THE REAL DEAL:

FIRST TAPE STORY! Alles zum ersten Tape (oder Kassette, wie man damals sagt), das im Februar 1988 erschienen ist.

FOTOSESSION IM TAGEBAU! Im Frühsommer 1988 gab es die erste (von zwei) richtigen Fotosessions mit den Jungs von Real Deal – an einem Ort, der heute komplett unter Wasser steht.

NOBODY IS PERFECT! Das zweite Tape von Real Deal erscheint im Oktober 1988 – wie wurde aufgenommen, wie entstand das Cover? Und: Musik + Bilder!

 

 

Nobody Is Perfect

Im Oktober 1988 veröffentlichte die damalige Leipziger Indieband The Real Deal ihr zweites Tape. NOBODY IS PERFECT erschien so nur sechs Monate nach dem Release des Debuts. Ein irres Tempo, wenn man sich die Anzahl der Songs anschaut. Und dazu kamen ja noch das Cover, Fotosessions und natürlich Auftritte. Wie das alles möglich war, erzählen Cairo und Kaiman hier. Und Songs von damals gibt es natürlich auch …

Kaiman und Cairo in 2018 Berlin Foto Felicitas ReininghausWie kommt es, dass Ihr so schnell genügend Songs für ein neues Tape zusammen hattet?

Kaiman Müller: Stimmt, wenn man das aus heutiger Sicht betrachtet, ist das krass. Aber damals verbrachten wir viel Zeit mit der Band, vor allem im Proberaum und Cairo kam ständig mit neuen Ideen an.

Cairo Reininghaus: Wir hatten einen Lauf. Ich schrieb immer an neuen Sachen, es war wie ein Ventil, was auf einmal geöffnet war. Wir waren ja nur drei Leute, mussten uns nicht ewig mit unterschiedlichen Meinungen aufhalten. Bass, Schlagzeug, Gitarre und Gesang. Das wars. Beim ersten Tape hatten wir noch Saxofon und Klarinette. Bei den neuen Songs ließen wir das weg. Wir waren aufeinander eingespielt, waren insgesamt sicherer geworden.

Hören wir zunächst mal einen Song vom Tape: Nobody’s Perfect ist der Titelsong des tapes und war live ein „echter kracher“, wie die beiden sich gern erinnern. das ist einer der songs, den cairo und kaiman auch noch heute mit ihrem tirsa perl-projekt spielen. hier aber das original:

Gab es Vorbilder in Sachen Sound?

C.R.: Klar, ich fand den Sound der späten 70iger gut. „Going Underground“ von The Jam zum Beispiel und „London Calling“ (The Clash). Die sind so kraftvoll, warm und knackig abgemischt. Das gefiel mir. Aber auch Joy Division, was ja eher eine kühlere und sterile Atmosphäre ausstrahlt. Mir war schon bewusst, dass diese Songs in High-End-Studios über Wochen hinweg aufgenommen worden waren. Das ganze Equipment und so weiter. Das war ja bei uns rudimentär, mit dem 6-Kanal-Vermona-Mono-Mixer. Bestenfalls konnte man sich da annähern. Aber das war die Inspiration und die Richtung. Und so sind wir es angegangen …

Das bedeutet, grundsätzlich hatte sich an den Aufnahmebedingungen im Vergleich zum ersten Tape nicht viel geändert?

K.M.: Nicht wirklich. Für’s Schlagzeug hatte ich zumindest zwei spezielle Mikrofone irgendwo aufgetrieben. Für die Bassdrum und die Snare. Die waren uralt und es stellte sich heraus, dass ihre Leistung nicht ganz so war, wie wir uns das vorgestellt hatten. Vielleicht lag’s auch an unserem Mixer, dass der nicht wirklich kompatibel war. Cairo wollte nämlich einen fetteren Snaresound. Da habe ich mir mal eben die Snare von einem anderen Schlagzeug ausgeliehen, die hatte ein größeres Volumen. Das Schlagzeug stand da nämlich seit einiger Zeit – also in einem anderen Zimmer des Abrisshauses und irgendein Typ übte da hin und wieder.

C.R.: Und der Unterschied war wirklich zu hören. Jedenfalls hatten wir aufnahmetechnisch so ungefähr die gleichen Sachen wie beim ersten Tape. Also ein 6-Kanal-Mono-Mischpult (Vermona Regent 1060) mit eingebauten 100-Watt-Verstärker und einem Halleffekt. Als Aufnahmegerät diente ein JVC-Kassettendeck

K.M.: Ja, und Cairo hatte eine Zeichnung, wo wir stehen sollten und wie viele Mikrofone jeder bekam. War ja alles limitiert. Klar war, dass wir jeden Song immer komplett aufnehmen mussten. Mehrspurrecording war nicht (also erst die Instrumente und dann den Gesang und so weiter nacheinander aufnehmen) und wir hatten sechs Eingänge am Mischpult. Sechs! Dass bedeutete zwei für Gesang (für Cairo und den Dicken), jeweils einen für Gitarre und Bass, macht vier. Die restlichen zwei für meine Drums waren zu wenig. Da hatten wir dann einen kleinen „Zwischenmixer“ eingeschleift (ein sogenannter Disco 2000), ganz einfaches Teil, vier Eingänge, vier Lautstärkeregler. Und die Mikrofone waren alles „Schwarzwurzeln“ – so DDR-Teile. Nicht überragend, aber okay. Nur Cairo hatte für seinen Gesang ein besseres Mikro … so ein Westteil …

K.R: Das war ein Teac – für 1000 DDR-Mark!

Real Deal First Tape Recording Stuff

Recording Stuff: Der 6-Kanal-Monomixer von Vermona (Mono!) hatte einen integrierten Verstärker und kostete 2500 Mark der DDR! Daneben sieht man das Kassettendeck (JVC) auf dem aufgenommen wurde.

Gab es keine anderen Aufnahmemöglichkeiten, professionelle Studios etc.?

K.R.: Wahrscheinlich schon. Wir waren ja mit „Reininghaus“ auch in einem Studio. Aber das Arbeiten im Proberaum (ein Abrisshaus in der Auenstrasse, heute Hinrichsenstraße) war uns vertraut, also die Räumlichkeiten. Und wir konnten da ausprobieren, wie wir wollten. Das hatte ja beim ersten Tape gut geklappt und mir machte der Recordingprozess großen Spaß. Im Studio gibt es ja doch Abhängigkeiten und gewisse Vorgaben, das hat gute und weniger gute Auswirkungen. Hier waren wir total frei, hatten aber natürlich auch im Blick auf das Equipment Einschränkungen.

K.M.: Und das direkte Aufnehmen, also ohne Overdubs, ist natürlich auch was Besonderes. Man fängt den unmittelbaren Moment ein. Nichts kann mehr verändert werden …

C.R.: Hinzu kommt, dass wir auch nur eine Kassette hatten. Chromdioxid, 60 Minuten aus dem Westen. Musste sein, wegen der besseren Qualität. Die fielen ja auch nicht vom Himmel … Wir mussten also genau überlegen, welche Version eines Songs wir lassen. In der Regel hatten wir Platz für zwei Takes pro Song. Wir spielten also, hörten uns das Resultat an und überlegten ob wir es nochmal besser hinbekommen und so weiter. Klar, dass da der eine oder andere kleine Patzer sich nicht vermeiden ließ. Der blieb dann eben auf dem finalen Take. Was aber auch seinen Charme hat …

Das original Aufnahmetape zu "Nobody Is Perfect - eine 60 Minuten Chrom-Kassette aus dem Wester!

Das Original Aufnahmetape der Nobody Is Perfect – Session: Eine 60 Minuten-Chrom-Kassette aus dem Westen!

Und wie muss man sich dann das Aufnehmen vorstellen?

Berlin 2018: Kaiman und Cairo reden über alte Zeiten. Foto: Felicitas Reininghaus

Berlin 2018: Kaiman und Cairo reden über alte Zeiten. Foto: Felicitas Reininghaus

K.M.: Reine Aufnahmezeit waren es vielleicht acht Stunden. Die Vorbereitungen haben ja schon eine Ewigkeit gedauert … also das Aufbauen der Mikros und dann das Einpegeln. Cool war, dass unser Proberaum noch eine Art extra Zimmer hatte, was hier ein großer Vorteil war.

C.R.: Das war so’n ganz schmaler Schlauch. Wichtig war ja, dass das Schlagzeug nicht auch noch über die Gesangs-Mikrofone mit aufgenommen wurde. Das hätte übel auf der Aufnahme geklungen. So saß also Kaiman mit seinen Drums im normalen Proberaum und der Dicke [Spitzname des damaligen Bassisten] und ich standen mit unseren Instrumenten im anderen „Zimmer“. Das war verdammt eng. Dort hatten wir ja auch den Mixer, das Kassettendeck und die Gesangsmikrofone aufgebaut. Unsere Verstärker (Gitarre und Bass) waren mit im großen Raum. Kaiman konnte uns durch so’ne kleine Plexiglasscheibe sehen. Die war aus irgendwelchen Gründen von den Leuten, die früher hier mal gewohnt hatten, eingebaut worden. Und überall die Kabel um uns herum. Sehr abenteuerlich.

K.M.: Jedenfalls musste alles in einem Ritt laufen, wir hatten nämlich Angst, dass man uns die Sachen klauen könnte, wenn wir über Nacht gegangen wären. Das war ja so’n abgefucktes Abrisshaus. Dann haben wir’s also durchgezogen. Bis tief in die Nacht … oder den frühen Morgen … Song für Song. Krass …

Hier ein weiterer Song vom tape: WHY I’M NOT! klar, kämpferisch & ohne kompromisse

Wie entstand das Cover?

K.M.: Thomas Fischer, ein Arbeitskollege von mir damals bei der Werbeabteilung des Konsums, hatte uns gerade einen Stapel Aufkleber vorbeigebracht – die hatte er im Siebdruckverfahren hergestellt und wir fanden sie klasse. Cairo nahm sich gleich einen und meinte, dass würde auch gut für’s Cover passen …

Das Cover zum Tape "Nobody Is Perfect" der Leipziger Band The Real Deal (1988)

C.R.: Das erste Cover war weiß gewesen, dieses Mal wollte ich es schwarz haben. Dafür hatte ich Fotokarton besorgt. Aber so ganz schwarz war dann doch langweilig. Also habe ich den Aufkleber mit dazugebracht und es war perfekt. Für den Innenteil wollten wir ein aktuelles Foto von uns nehmen. Allerdings zog sich das noch ein wenig hin … so dass die ersten Tapes, die rausgingen, innen nur einen „Beipackzettel“ hatten, also mit den Angaben zu den Songs. Ganz schmucklos, so mit Schreibmaschine getippt, ausgeschnitten und aufgeklebt. Eine Notlösung … aber wir wollten unbedingt bei den laufenden Auftritten das neue Tape schon dabeihaben.

K.M.: Stimmt … wir hatten ja auch immer wieder Konzerte. Damals gab es ja nicht so ein richtiges Touren. Man hatte einzelne Auftritte. Manchmal noch einen „Anschluss“, also an zwei Tagen hintereinander … ein irrer logistischer Aufwand.

Wodurch kam die Verzögerung?

K.M.: Die Fotosession war erst Anfang November. Wir hatten bei einem Konzert einen Fotografen kennengelernt (Michel Du Chesne), der gerne mit uns arbeiten wollte. Der hatte auch gleich eine Location im Visier, das Uniklinikgelände am Bayerischen Bahnhof. Damals schön verfallen und sehr morbide.

C.R.: … und ein bisschen gruselig. Da sind einige Bilder entstanden. Eines haben wir dann für das Innencover ausgesucht, ich habe mit Rubbelbuchstaben den Text auf eine durchsichtige Folie geschrieben (eine Hundearbeit) … und so war’s dann endlich komplett.

Bilder der Fotosession vom November 1988 in Leipzig (fotos: michel du chesne). Neben Müller und reininghaus war damals noch „DER DICKE“ (D.K.) am bass dabei.

The Real Deal: Fotosession in Leipzig mit Michel Du Chesne (1988)The Real Deal: Fotosession in Leipzig mit Michel Du Chesne (1988)The Real Deal: Fotosession in Leipzig mit Michel Du Chesne (1988)Wie kamen denn die Tapes dann an die Leute?

K.M.: Wie gesagt, das lief bei den Konzerten. Wir hatten einen kleinen „Merchandising“ Koffer dabei – so’n handliches Teil, mit Fotos, Postern und eben den Tapes. Das waren keine Massen, denn man musste das ja alles selbst kopieren …

C.R.: Genau. Und Leer-Kassetten waren in der DDR enorm teuer. Ein normales 60-Minuten Tape kostete 20 Mark! Das war richtig viel Geld, wenn man sich überlegt, das wir für unsere WG in Gohlis (2,5 Zimmer + Küche und WC auf halber Treppe) zum Beispiel 35 Mark Miete gezahlt haben. Ich habe dann in einem Laden für Bastelbedarf entdeckt, dass man das Material auch einzeln kaufen konnte. Also Kassettengehäuse, das Band, die Rollen etc. Das gab es in einer Packung für jeweils 3 Kassetten. War eine fisselige Angelegenheit, alles zusammenzusetzen. Aber natürlich viel günstiger. Dazu dann immer die Cover gebastelt, gefaltet und eingelegt – jedes einzelne Tape war absolute Handarbeit! Directly from the artist – wie man das später so schön umschrieb … direkter ging es ja gar nicht mehr.

Nun haben wir soviel geredet! Und dabei das Wichtigste, die Musik, fast aus den Augen verloren. Deshalb jetzt gleich mal vier Songs am Stück … viel Spaß!

Island In The Sun ist der traum von einem fernen land ohne grenzen, ohne polizei …

The Loose kommt bis auf den Schluss ohne Worte aus und spielt inhaltlich mit dem Begriff des „Freiseins“

see you – eine schicksalhafte Begegnung in einer nicht endenden nacht

My Opinion hat sich zum Klassiker entwickelt. Inhaltlich dreht sich alles um alles und nichts um nichts – grundsätzlich aber um den Verlust der Seele und der eigenen Meinung. Die Version hier ist neu: Cairo und Kaiman haben sie mit ihrem aktuellen gemeinsamen Projekt TIRSA PERL 2016 aufgenommen (veröffentlicht auf „in the not too distant future“ – cd & download)

Weil’s so schön war, gibt’s hier die Songs noch einmal komplett als eine Musikdatei (!) … und sogar noch einem Bonustitel mehr am Schluss … insgesamt 20 Minuten DDR – IndiePop am Stück! Voila! Viel Spaß beim Hören!

Soweit erst einmal … bis demnächst irgendwo auf dieser Seite.
Infos zum ersten Tape THE REAL DEAL (März 1988) hier.

The Real Deal Tape 1 Cover 1988 (c) Kai Reininghaus

Infos zu REININGHAUS (1986-1988) – dem ersten Bandprojekt von Cairo & Kaiman

Die Band Reininghaus aus Leipzig 1987

Videos & Infos zu TIRSA PERL – dem aktuellen Leipzig-Berlin-Musicprojekt von Cairo & Caiman hier (Link geht zu YouTube)

 

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